Grundsätzlich elementar

Berlin Metropolitan School, Berlin

Eine Schule in der Spandauer Vorstadt sollte erweitert werden. Das Plattenbau-Ensemble aus den 1980er-Jahren bildet einen Hof, der sich augenfällig für den Neubau anbot. Die Architekten von Sauerbruch Hutton ließen den luxuriös großen Schulhof aber unangetastet und gingen aufs Dach, mit Holzelementen und zahlreichen überraschenden Entwurfsideen. Unterrichtsstopp? Fehlanzeige!

Als das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich den Entschluss fasste, ihre Berlin Metropolitan School um dringend benötigte Flächen zu erweitern, schauten sie sich drei oder vier Architekturbüros an, denen sie das zutrauten. Neben Verwaltungs- und Klassenräumen war auch eine Aula gewünscht, da Klausuren bisher in der Turnhalle geschrieben werden mussten – wegen des dort möglichen, internationale Standards erfüllenden Abstands. Mit allen Büros wurden im Jahr 2013 Gespräche geführt. Vera Hartmann, Partnerin bei Sauerbruch Hutton und Projektleiterin in dem Projekt, erinnert sich noch sehr gut an die Treffen, kann aber nicht mehr sagen, warum am Ende ihr Büro den Zuschlag erhalten hat. Vielleicht, weil sie schnell klar gemacht hatten, dass man mit der Erweiterung, die auch einen Versammlungsraum vorsah, oben auf den Bestand gehen müsse. Was durchaus ungewöhnlich ist für einen Ort, der eigentlich immer im Erdgeschoss gedacht wird.

Der Entwurf

Die Internationale Schule liegt als verbindendes Element im Block zwischen Tor- und Linienstraße. Seine drei zu einem nach Osten geöffneten U gestellten Bauteile sind als einhüftige Gebäudetypen der Schulbaureihe 80 (SBR 80, Typ Erfurt) ausgeführt und im Wesentlichen (Fassaden, Kubatur) sowie zahlreichen Details noch unverändert erhalten. Die Anmutung eines durch effiziente Ornamentik (Fliesen, Betonlisenen etc.) angereicherten Zwecksbaus findet sich insbesondere in den benachbarten Bauten an der nördlich anliegenden Torstraße wieder. Zu Recht steht der mittlerweile stark sanierte Stadtteil Spandauer Vorstadt als Bau-Ensemble unter Denkmalschutz.

Hiervon ausgehend gab es für Sauerbruch Hutton nur die Option einer assimilierenden Erweiterung, die kantenscharf und zugleich fortschreibend das Ensemble ergänzt. Die variierende Geschossigkeit der drei Bauteile ergab ein- bis zweigeschossige Aufbauten. Die Erweiterung des südlichen Klassentrakts entlang der Linienstraße erzeugt einen Neubau, in dem die Aula in den Obergeschossen sehr unauffällig untergebracht ist. Der Neubau zeigt sich zur Straße mit einer sich nach unten hin wellenden Kupferfassade. Große Fensterkästen in der jetzt neuen Brandwand öffnen die dahinterliegenden Flure und bieten Sitzraum für SchülerInnenzwiegespräche. Der Aufbau folgt dabei formal zwei Themen: Volumenfortschreibung und Reaktion auf den anliegenden Stadtraum. Dass sich beides untrennbar aufeinander bezieht, unterstreicht die Homogenität der entwurflichen Ensemblebearbeitung. Über die zwei Themen hinaus gab es noch das der Leerstelle, aus der eine Dachterrasse wurde. Diese dient der Belichtung der Räume darunter aber auch den OberstufenschülerInnen als wirklich sehr exklusiver Ort mit Weitblicken über die ganze Stadt.

Die Neigung der Aufbauten nach innen ergab sich formal aus der anliegenden Dachneigung (Straßenseite) und dem Gedanken, den durch die Binnenneigung verlorenen Raum auf der gegenüberliegenden Seite (Hof) zurückzugewinnen. Zugleich verhindert der leichte Überhang zum Hof den Kamineffekt, der sich durch eine lotrechte Aufstockung zwangsläufig ergeben hätte. Die Kupferhaut reagiert farblich auf die benachbarte Dacheindeckung, die Ziegelfassaden sowie die erdfarbenen Kacheln auf den Wänden des Bestands. Letzterer wurde – und das überrascht bei der Begehung der Schule – in keiner Weise angefasst. Der recht gut erhaltene Schulbau aus den 1980er-Jahren kann somit noch im wunderbar trocken daherkommenden, sehr rationalen Originalzustand angeschaut und erlebt werden. Auch der notwendige Aufbau der Treppenhäuser über die alte Traufmarke hinaus ist derart unprätentiös, dass er kaum auffällt.

Nicht zuletzt reagiert die Dachform über dem Neubau an der Linienstraße auf den Bestand und die schmal gemachte Lücke zum Schulhof: Die sich abtreppende Holzkonstruktion der Aula (s. unten) zieht die Aufstockung in schönem Schwung erdwärts und verhindert den abrupten Abbruch, ein auf Distanzgehen zum Gegenüber.

Betritt man die oben liegenden Räume, die wie im Bestand schon einhüftig erschlossen sind, wird man nicht angesprungen von einer umwerfend bunten oder lauten oder sehr edlen oder amorph schwingenden oder sonstwie geformten Landschaft informellen Lernens. Man steht schlicht in einem hellen Flur, der zum Weitergehen einlädt. Hell lasierte Bretter, Tageslicht aus Lichtschächten, helles Linoleum … lediglich auf der Seite zur Torstraße hin gibt es Fenster im Gang zur Verwaltung und der im 5. OG gelegenen Turnhalle. Das lasierte Holz hier oben im Neubau ist dabei entweder Verkleidung (Zwischenwände) oder sichtbar gelassener Rohbau (BSH, 76 mm). Erkennen kann man die Rohbauwände schnell an den aufgesetzten Fußleisten, die bei den Holzverkleidungen eingelassen sind.

Heizkörper, Zu- und Abluft sind in festen Elementen meist unterhalb der Fenster untergebracht, die in drei Breiten variieren (60, 90 und 120 cm; die Maße ergeben sich aus der Breite der Kupferbleche auf dem Dach mit 30 cm Standardbreite). Die Möblierung konnten die ArchitektInnen ansonsten nur hinnehmen, lediglich die Drückergarnituren (FSB) sind ein Eigenentwurf, der sich auch in anderen Projekten – nicht nur von SH – wiederfindet.

Elementiertes Bauen

Die Entscheidung, elementiert zu bauen, folgte ganz pragmatisch den, wie die Projektleiterin Vera Hartmann sagt, „beiden Themenkomplexen, die dieses Projekt geprägt haben“, nämlich den Themen Bauen im Bestand und Bauen im Betrieb. Da die Flächenerweiterung auf der Substanz des Bestands erfolgen sollte, wurde Holz als der Baustoff der Wahl ausgemacht. Holz eignet sich zudem hervorragend für eine detaillierte und ­mittlerweile sehr elaborierte Vorfertigung, die wiederum den Fragen entgegenkommt, die das zweite Thema mit sich bringt: die Bauarbeiten im regulären Schulbetrieb durchzuführen. Vorfabriziert wurden Wand- und Deckenteile und die Holzrahmen der Tragkonstruktion, die der zweigeschossigen Aula ihre besondere gestalterische Note gibt. Erarbeitet wurden die in den Gelenkpunkten verschobenen Rahmen von der Zimmerei Kai Vater Zimmerei & Holzbau, Zulieferer war die Züblin Holzingenieurbau, Aichach. Die Holzrahmen, wunderbar sichtbar in der Aula, wurden fertigmontiert auf das Dach gehoben. Ausgesteift werden die Rahmen über die Massivholzwandelemente aus BSH. Der Rohbau konnte so bei Bauteil B und C und später bei Bauteil A in je nur sechs Wochen fertiggestellt werden. Die außen sichtbar fallende Dachlinie über der Aula auf Bauteil A erzeugt in deren Innenraum eine Dynamik, die das sichtbare Tragwerk in feine Schwingung versetzt. Der Blick von der sich ebenfalls nach vorne neigenden Empore macht den Raumschwung um ein Weiteres deutlich.

Dass die ArchitektInnen mit dem Bestandstragwerk gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines ganz eigenen Rasters vorfanden, war Voraussetzung für die Entwurfsfindung, so Vera Hartmann: Nicht nur die Außenmauern des Bestands waren mit Fundamenten versehen, auch die aussteifenden Wände konnten, weil ebenfalls fundamentiert, belastet werden. Damit konnte die Lastabtragung über die ganze Länge geplant werden und das Entwurfsteam war freier in der Formfindung.

Brandschutz

Bei so viel Holz in solcher Höhe fragt man gleich nach dem Brandschutz. Tatsächlich ist die Konstruktion auf Abbrand F60 gerechnet. Mehr hätte, so die Architektin, auch keinen Sinn ergeben, ist doch der Bestand ebenfalls F60. Auch die Versammlungsstätte für immerhin 1 200 Menschen (Aula) war nicht das Problem, für das man es hätte halten können. Fluchtwege (Treppenhäuser, Dachterrasse, Anleitern von zwei Seiten) und die Einführung eines Brandmeldesystems im gesamten Schulbau reichten aus, die Zulassung zu erhalten.

Fazit

„Elementiertes Bauen ist zeitsparend, nicht unbedingt im Planungsprozess, sondern auf der Baustelle selbst“, so Vera Hartmann und hebt damit Effizienz hervor, Geschwindigkeit und – wichtig beim Bauen im laufenden Betrieb – die deutliche Baulärmreduzierung. Zudem sei das Bauen mit Holz – so wie hier geschehen: rohbausichtig – materialeffizient und damit ressourcenschonend. Dass es eine angenehme Haptik hat und die Lernumgebung positiv beeinflusst, sprach aus Architekt­Innensicht ebenfalls für das Material. Was nicht heisst, das andere Projekte mit anderen Anforderungen in gleicher Weise bearbeitet werden. Doch das Prinzip, dem Material Respekt in der Hinsicht zu erweisen, dass man seine Eigenschaften kennt und diese auszureizen weiß, ohne sich mit dem Kaschieren von Übergängen und Brüchen durch Hilfsmaterialien zu behelfen, das wolle sie, Vera Hartmann, „gerne bei weiteren Projekten wiederholen“. Dass diese Art der grundsätzlichen Herangehensweise an das Planen und Bauen von seiner Elementierung unterstützt wird, kann angenommen werden. Be. K.

Baudaten

Objekt: Berlin Metropolitan School

Standort: Linienstraße 122, 10115 Berlin

Typologie: Schulbau

Bauherr/Nutzer: Berlin Metropolitan School

Architektur: Sauerbruch Hutton, Berlin

Mitarbeiter (Team): Vera Hartmann (Projektleiterin), Jürgen Bartenschlag (Assoziierter), Amelie Hummel, Andrea Frensch, Ben Hansen, Bettina Magistretti, Falco Herrmann, Felix Xylander-Swannell, Jennifer O‘Donnell, Karolina Sznajder, Katja Correll, Lina Lahiri, Sarah Perackis, Simon Tobias Davis, Thomas Braun

Bauleitung: 1. BA: Bauherr, 2. BA: Jan Liebscher, Bromsky Architekten, bromsky.de

Generalunternehmer:

Holzbau: Kai Vater Zimmerei und Holzbau GmbH & Co. KG, Wittenberg, www.zimmerei-vater.de

Mineralisch: Hochbau Falkowski GmbH, Luckau, hochbau-falkowski.de

Bauzeit: 04.2016 bis ca. 05.2021

Fachplaner

Tragwerksplaner: Andreas Külich Beratender Ingenieur, Berlin, andreaskuelich.com

TGA-Planer/Lichtplanung: Kofler Energies Ingenieurgesellschaft mbH, koflerenergies.com

Bauphysik / Akustikplaner: Müller-BBM GmbH, Berlin, www.muellerbbm.de

Landschaftsarchitekt: kre.ta landschaftsarchitektur, Berlin, www.kreta-berlin.de

Brandschutzplaner: hhp berlin – Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin, www.hhpberlin.org

Projektdaten

Grundstücksgröße: 4 581 m²

Grundflächenzahl: 0,48

Geschossflächenzahl: 3,24

Nutzfläche gesamt: 3 219 m²

Brutto-Grundfläche: 3 650 m²

Brutto-Rauminhalt: 18 783 m³

Baukosten (nach DIN 276): k. A.

Konstruktion

Dach extensive Dachbegrünung: Vegetationstragschicht 80 mm; Filtervlies; Dränschicht Wasserspeichermatte 20 mm; Faserschutzmatte 10 mm; Trennfolie; Bitumenbahn zweilagig, geschweißt; Wärmedämmung EPS 200 mm Gefälle 2 %; Dampfsperre Bitumenbahn einlagig, geschweißt; Hohlkas-tendecke 450 mm dazwischen Trittschalldämmung Splitschüttung; Lattung 70/35 mm; Kantholz 40/30 mm, dazwischen Steinwolle Dämmplatten 40 mm; Akustikpaneel Weißtanne, geschlitzt, lasiert 33 mm

Außenwand Doppelstehfalzdeckung: Scharblech Kupfer 0,7 mm; Dachbahn überlappend; Schalung Fichtensperrholz 24 mm; Lüfterlattung Fichte 60 mm; Lattung Fichte 50/140 mm dazwischen Wärmedämmung Mineralwolle 140 mm; Windbremse; Brettsperrholz 76 mm

Fenster 3-fach-Verglasung in Holz-Aluminiumrahmen: VSG 2 x 6 mm + SZR 14 mm + Float 6 mm + SZR 14 mm + ESG 8 mm

Gebäudehülle

U-Wert Außenwand = 0,22 W/(m²K)

U-Wert Außenwand gg. Erdreich =      0,28 W/(m²K)

U-Wert Flachddach/Dachterrasse = 0,17 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 1,2 W/(m²K)

Hersteller

Heiz- und Kühltechnik: TROX Schoolair, www.trox.de

Beschläge: FSB – Türdrückerfamilie von Sauerbruch Hutton, www.fsb.de

Lichtschalter: GIRA, www.gira.de

Zwischen sozialistischer ‚Deko-Fassadenplatte‘ und den skulpturalen Ergänzungen in Holz und Kupfer entsteht ein gestalterisches Zwiegespräch, in welchem sich Bestand und Neubau gegenseitig verstärken. Alles wirkt trotz der Ausformung gelassen und frei. So sieht Freude beim Lernen aus.«⇥DBZ Heftpartner ⇥Christian Olaf Schmidt und Markus Plöcker,

⇥Schmidtploecker Architekten

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