Nachverdichtung de luxeUmbau eines Reihenendhauses, Frankfurt a. M.

Beim Umbau eines Reihenendhauses in bester Lage gelang es der Architektin Marie-Theres Deutsch mit viel Geschick, die Nutzfläche um 39 % zu steigern. Die Architektur hat darunter nicht gelitten, im Gegenteil: Dem unscheinbaren Häuschen widerfuhr ein spektakuläres „Lifting“.

Im Frankfurter Westend gilt, als Konsequenz der Kahl­schlagsanierun­gen der 1960er- und 1970er-Jahre, seit langem eine strikte Erhaltungssatzung. Von der architektonischen Norm abzuweichen ist hier also noch schwerer als andernorts. Wie konservativ die Stimmung in der Stadt geworden ist, zeigt die entstehende „neue Altstadt“ am Dom.

Marie-Theres Deutsch weiß um die Widersprüche ihrer Stadt und sie engagiert sich gegen die Ignoranz der Macher wie die Tümelei der Leute. Seit den 1980er-Jahren versucht sie, die wahren Potentiale der Metropole zu wecken, etwa mit ihrem Konzept für die Revitalisierung
der Mainufer, das weitgehend umgesetzt wurde. Zuletzt hat sie in der Paradiesgasse, mitten im lange vernachlässigten Alt-Sachsenhausen, eine als unbebaubar geltende Baulücke für sich und ein paar Mitstreiter bebaut – mit einer komplex verschachtelten, wandlungsfähigen Architektur, die in keine stilistische Schublade passt (DBZ 11|14). Durch die zahlreichen Berichte über dieses eigentlich „unmögliche“ Haus wurden auch die Besitzer des Reihenhauses auf die Architektin aufmerksam. Das Haus liegt im nördlichen Westend, das sich, mit Blick auf die Türme des nahen Bankenviertels, an dieser Stelle doch einen fast kleinstädtischen Charakter bewahrt hat – neudeutsch nennt man solch eine Lage wohl ein urban village.

David neben Goliath

Gleich nebenan überragt indes ein quaderförmiger Vierzehngeschosser das Idyll, eine Bausünde, für die in den 1970er-Jahren fast der halbe Block plattgemacht wurde. Aktuell wird das Hochhaus als „Onyx Tower“ voller Luxuslofts vermarktet – anders als in den 1970er-Jahren ersetzt nun Wohnnutzung die Büros.

Was von der Straßenzeile übrig blieb, sind fünf traufständige zweigeschossige Reihenhäuser aus den 1920er-Jahren, kurioserweise inmitten eines Quartiers aus überwiegend gründerzeitlichen Viergeschossern. So bot das Reihenendhaus über vier Jahrzehnte als winziger David dem Goliath-Turm die Stirn. Doch zuletzt sah die gelb verputzte Lochfassade ziemlich schäbig aus.

Brüche wie dieser können auch inspirieren und so machte sich Architektin Deutsch ans Werk, den kleinen David aufzupäppeln: Mehr Platz zu schaffen war aus Sicht der Bauherren ein wesentliches Ziel, doch sollte für Deutsch auch ein ästhetischer Mehrwert herausspringen.

Verhandeln nach allen Seiten

Doch da gab es die städtische Erhaltungssatzung, dazu noch eine Vorgartensatzung – und sensible Nachbarn. Nach Prüfung aller Möglichkeiten für das gerade mal rund 9 x 9 m Grundfläche messende Haus ergab sich folgendes Raumprogramm: Über die vorhandene Erschließung an der Stirnseite werden drei separate Wohnungen im Erdgeschoss, Obergeschoss und im Dachgeschoss erschlossen. Neu wird im Keller – nun Souterrain – ein Bistro eingerichtet, das die Bauherrin selbst betreibt. Dazu muss der einst aufgeschüttete Vorgarten abgegraben, der Baumbestand beseitigt und ein neuer Vorplatz samt Zugang von der Straße geschaffen werden. So weit konnte man sich mit allen Beteiligten einigen. Nur die Öffnungszei-

ten des Bistros mussten im Interesse der Wohnruhe eingeschränkt werden.

Die Wohnungen sollten über die vorhandenen Öffnungen hinaus mehr Tageslicht und Freiraumbezug erhalten – hinterm Haus gibt es einen kleinen Garten. Also schob die Architektin auf der Hausrückseite einen zweigeschossigen Wintergarten an die Hauswand. Auch dieser Eingriff war konsensfähig.

Dachsegel, Eisschollen

Einzig die Dachlandschaft schien den Baubeamten zunächst unantastbar. Sie sollte aber in mehrere Ebenen aufgebrochen werden. Mit Modell zog Architektin Deutsch also aufs Amt und leistete Überzeugungsarbeit. Am Ende stand eine noch gut als Walmdach lesbare Form aus mit den vorhandenen Biberschwänzen gedeckten Flächen, zwischen die zwei Dachterrassen von 4 bzw. 6 m² eingefügt sind. Die Architektin bezeichnet die aufgelösten Flächen als Dachsegel. Die graue Färbung der Einfügungen lässt aber auch die Assoziation „Eisschollen“ zu. Jedenfalls wurde das konventionelle Dach auf diese Weise originell „dekonstruiert“ und der Zugewinn an Licht, Luft und Fläche ist beträchtlich. Die erhöhte Dachtraufe hält das Ganze zusammen und verbirgt die Terrassengeländer zum Teil.

An einigen Ecken wurde um Zentimeter gerungen, so auch im Souterrain, wo die erforderliche lichte Raumhöhe von 2,20 m nur durch den Verzicht auf eine reguläre Bodenplatte erreicht werden konnte. Der Zugang zum Bistro ließ sich erst durch die nach oben abgetreppte Decke bewerkstelligen. Er zeigt sich in den Bädern darüber als breite Ablage.

Konstruktive Maßarbeit

Gebaut wurde der schließlich genehmigte Entwurf unter erschwerten Bedingungen. Nebenan waren die Bauarbeiten für den Onyx Tower in vollem Gange und nur mit wiederholtem Beistand der Bauaufsicht und mehreren Lärmschutzgutachten gelang es der Architektin, den Terminplan einzuhalten.

Hier war nämlich mehr zu tun als geplant. Je weiter die Arbeiten in die alte Substanz vordrangen, umso mehr offenbarten sich deren Mängel, die offenbar Kriegseinwirkungen zuzuschreiben waren: schadhafte Fundamente, verkohlte Deckenbalken – das Haus musste am Ende fast bis auf die Außenmauern entkernt werden.

Beim Neuaufbau der Holzbalkendecken – hier hat die Architektin übrigens eine Option zur Zusammenlegung zweier Wohnungen eingeplant – wurde penibel auf die akustische Entkoppelung der Ebenen geachtet. Insbesondere zum Bistro musste der Schallschutz sehr gut sein, können dort doch Gesellschaften von bis zu 30 Personen feiern. Zugleich durfte der Bodenaufbau aber nicht dick auftragen. Schwarzes Linoleum wurde durchgängig verlegt, die Wände rein weiß verputzt, in den Übergängen teils abgerundet; korrespondierend sind die Bäder in schwarz-weißem Schachbrettmuster gefliest. Es gibt platzsparende Einbauschränke und originelle Raumlösungen, vor allem im Dachgeschoss mit seinen Schrägen, welche manchen Handwerker arg beanspruchten – die Werkplanung ging teilweise bis zum Maßstab 1 : 1.

Die tragenden Wände wurden jedoch weitgehend belassen und außen mit einem Wärmedämmverbundsys­tem ertüchtigt (18 cm Mineraldämmung). Lediglich das Dach hat man als Stahl-Holz-Mischkonstruktion komplett neu errichtet – hier kamen 20 cm Mineralwolle als Aufsparrendämmung hinzu. Die neuen Fenster sitzen mit ihren nur zweifach verglasten schlanken Alu-Rahmen recht weit außen in den Laibungen, so dass der Eindruck der „Verfettung“ vermieden wird. Gleichwohl gelangen sehr gute Energie-Kennwerte: Der Umbau unterschreitet die EnEV 2013 um 25 %.

Ein helles Grau des Außenputzes kontrastiert mit den kräftigen dunklen Traufprofilen aus vorbewittertem Zinkblech. Ein ebenfalls kräftiges Element bildet das Vordach aus zwei gekreuzten Stahl­profilen, ebenfalls verkleidet mit dem offenporigen Material. 
Die Konstruktion wird erst ganz verständlich, wenn die geplante Leuchtreklame sowie ein Marktstand für Gemüse links des Entrées angebracht sind. Bei der Gestaltung strebte Architektin Deutsch
einen Bezug zum Onyx Tower an, der sehr grafische Elemente
des Art Déco verwendet. Immer wieder verdreht sie Elemente leicht gegenüber der orthogonalen Hausstruktur, ein Kunstgriff,
der Weite schafft.

Die Vorplatz-Mulde ist durch schlanke Pfeiler vom Trottoir ab­gegrenzt, am Rande möbliert und von einem Obstbaum-Spalier flankiert. Das winkelige Bistro kann sich so sommers ins Freie erweitern. Diese Maßarbeit im Bestand ist ohne Frage teuer – bei
20 €/m² Kaltmiete dürfte sich der Aufwand für die Bauherrn aber bald rechnen.

Eine Lösung für die Masse der Wohnungssuchenden wird indes anders aussehen müssen: Als Mitglied im Frankfurter Städtebaubeirat erkundet Marie-Theres Deutsch derzeit mit dem neuen Planungsdezernenten mögliche Flächenreserven am Stadtrand.

Und auf ihrem Nachbargrundstück in Alt-Sachsenhausen plant sie schon den nächsten raffinierten Umbau. Christoph Gunßer,
Bartenstein

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