Anders denken können

„Man schlachtet die Kuh erst, wenn sie zu 100 Prozent verkauft ist.“ Der Satz, eine so genannte Volksweisheit, meint nichts anderes, als dass es doch auch selbstverständlich sein sollte, ein Haus erst dann abreissen zu dürfen, wenn seine Nutzung als Bauteillager derart geregelt ist, dass es zu 100 Prozent wiederverwertet wird. Den Satz mit der Kuh kann man in dem hier vorliegenden, vielleicht wichtigsten der hier vorgestellten Bücher lesen. Ein Satz in einem ganzen Meer von Sätzen, Fotos, Grafiken und vor allem: Er ist nicht derjenige, der an die Radikalität, mit der hier auch formuliert wird, auch nur annähernd heranreicht. Denn tatsächlich wird hier aus der Schweiz das gefordert, was ein deutscher Architekt schon seit Jahren, durchaus polemisch formuliert: Verbietet das Bauen!

Das Buch ist an einem Bauprojekt aufgehängt, das wir auch in der DBZ schon auf dem Cover hatten: das K118 von insitu Baubüro (DBZ 07/08 2021). Ein Haus, das aus beinahe 100 Prozent gebrauchten Bauteilen erstellt wurde. Nicht mit recycletem Material, nicht mit verschraubten, statt geklebten, aber neuen Baustoffen, sondern mit gebrauchten, instandgesetzten Fassaden- oder Konstruktions-elementen. Wie dieses Haus gedacht und gemacht wurde, welche Vorbilder es in der Baugeschichte hat, wie man das Bauen mit neuen oder gebrauchten Teilen bewerten kann, alles das findet sich in diesem Buch, das ein hervorragend brauchbares, weil mit Anschauungsmaterial gestopft volles Arbeits- und Argumentationsbuch ist. Wer es studiert hat, wird anders denken; können, müssen! Be. K.

Bauteile wiederverwenden. Ein Kompendium zum zirkulären Bauen. Hrsg. v. Institut Konstruktives Entwerfen; ZHAW Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen; Eva Stricker, Guido Brandi, Andreas Sonderegger; Baubüro in situ AG; Zirkular GmbH; Marc Angst, Barbara Buser, Michel Massmünster.Park Books, Zürich 2021, 344 S., 401 Farb- u. 54 sw-Abbildungen, Pläne und Grafiken58 €, ISBN 978-3-03860-259-0
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