Multitalent Multimediahaus
Spiegel-Haus an der Ericusspitze, Hamburg

Die Verlagslandschaft ändert sich, Film-, Online- und Epaper-Formate sind in den Vordergrund gerückt. Und so ist es auch beim dazugehörigen Gebäudetypus: Das zeitgemäße Multimediahaus ist mehr als nur Hülle, es repräsentiert selbst den neuesten Stand der Technik.

Kommt man per Eisenbahn von Süden nach Hamburg, hat man das Gefühl, der Spiegel sei der Portier hanseatischer (Bau-) Kultur am östlichen Auftakt der neuen Hafencity, so präsent steht er an der Ericusspitze am Stadteingang. Eine gebaute Manifestation der medialen Welt: Spiegel Online sitzt ganz oben in der Hauskrone im 13. Geschoss. Wurde vor gut 20 Jahren durch den damaligen Neubau von Gruner & Jahr (Architekten Kiessler + Steidle, München) die Kultur der Hamburger Verlagshäuser mit Hilfe der Idee einer Büro-Stadt mit Straßen und Plätzen aufgefrischt, dann ist diese neue Spiegel-Stadt Manhattan-like, also vertikal organisiert.

Das Haus wird charakterisiert durch das große Atrium, in dem zahlreiche Brücken direkte Wegeverbindungen herstellen, also direkt vernetzen. Außen herum befindet sich eine weitgehend gläserne Schale, in der die Büros angeordnet sind. Es scheint so, als seien die 1 100 Spiegel-Mitarbeiter permanent unterwegs, um Kollegen aufzusuchen und die alte Henry-Nannen Metapher, Journalismus sei Schwatzen auf dem Flur, schwebend umzusetzen.

 

Digitales Stellwerk für die Informations­gesellschaft

Das Verlagshaus der Zukunft ist ein Multimediahaus, Print­medien spielen zwar noch eine Rolle, aber nicht mehr die allein entscheidende. Der Spiegel besitzt ein eigenes TV-Studio im Erdgeschoss, im Mittelpunkt stehen Online und die Screens. Besonders beeindruckt das im „Lesesaal“ von Spiegel Online, am so genannten Balken, wo die Redakteure stehend die Informationskanäle der Welt analysieren.

Ein so genanntes Multimedia-Haus ist typologisch in der Architekturgeschichte noch nicht etabliert – wie auch, die Entwicklungen sind zu schnell. Die alte Verlagsstadt funktioniert nicht mehr, stattdessen wächst als Ausdruck einer Generalplanung a là Mies van der Rohe ein Container heran: multifunktional als digitales Stellwerk der Informations­gesellschaft.

Die Arbeitsplatzqualität im Spiegel-Haus gilt als sehr gut. Denn Journalisten arbeiten am liebsten im kleinen Kämmerlein. Hier ist es transparent, mit Glastür zum Atrium und Aus­blick zur Stadt; die Räume der Chafredakteu­re – großzügig übereck gelegen – zeigen nach Westen, mit Blick entlang der Elbe in die Abendsonne über der Hafen­city. Auf jeder Etage warten zwei Teeküchen auf die Leute; eine kleine nur mit Küchenzeile und eine große mit Tisch und Stühlen: Aufenthaltsqualität zur Sicherung der Arbeitsqualität auch bei extremen Belastungen.


Nachhaltiger Stadtbaustein

Mit den Zwillingen – dem Verlagsgebäude ist nach Westen das kleinere Ericus Kontor in ähnlicher Bauart vorgelagert – sind an der Nahtstelle zwischen City und Hafencity zwei riesige Neubauten entstanden, die sich aus dem Maßstab und der Körnung der innerstädtischen Nachbarschaft entwickelt haben. Sie bilden einen Gegen­pol zum westlichen Endpunkt der Hafencity, der Elbphilharmonie. Nur sind sie viele Jahre früher fertig gestellt worden.

Heute ist das Spiegel-Haus ein willkommener Orientierungshalt für die Augen, wenn man aus der Innenstadt vom Deichtor Richtung Hafen schaut, mit 12 500 m² BGF (7 500 m² davon sind der Spiegel-Gruppe zugeordnet). Wie damals vor 42 Jahren im ersten Hamburger Spiegel-Neubau (desselben Investors wie heute): alles unter einem Dach. Das Gebäude ist im Grundriss schiefwinklig, zwischen 60 und 97 Meter lang und zwischen 46 und 59 Meter breit. Das zurückgesetzte „Fenster zur Stadt“ misst 50 Meter in der Breite, 35 Meter in der Höhe und ist um 10 Meter in die Tiefe versetzt.

Der Entwurf stammt aus dem Büro der dänischen Architekturlegende Henning Larsen, das 2007 als Sieger aus einem Wettbewerb mit 14 nationalen und internationalen Büros hervorging und das auch die Kopen­hagener Oper entworfen hat. Aber beim Spiegel-Haus geht es nicht so sehr um Architektur allein, dieses Gebäude definiert sich durch multidisziplinäre Zusammenarbeit, ist gemeinsames Ergebnis professioneller Kompetenz von Ar­chi­tekten, Stadtplanern, Projektentwicklern, Kaufleuten und Energieplanern. Es ist nicht nur Bauwerk, sondern auch wertvolle Immobilie und wichtiger Stadtbaustein.

Das Haus steht im Hochwassergebiet. Es thront auf einer Warft, wie fast alle Bauten der Hafencity, aber es nutzt mit Terrassen sehr geschickt die prächtige Lage am Wasser und den sorgfältig restaurierten Kaimauern aus. Dieses robuste Mauerwerk wird an den Basisgeschossen der Neubauten mit dem typisch norddeutschen Blaurotklinker beantwortet – darüber geht es gläsern weiter.

Der Spiegel-Neubau ist das erste private Bauvorhaben, das für das „HafenCity Umweltzeichen Gold“ prae festum angemeldet und vorzertifiziert worden ist. Dafür sorgen unter anderem dreifach verglaste Fenster und eine thermische Bauteilaktivierung sowie die Nutzung von Geothermie, bei der 70 Erdsonden in circa 100  mTiefe einen Wärmeaustausch ermöglichen. Der Gesamt-Primärenergiebedarf des Gebäudes ist mit weniger als 100 KWh/a angesetzt. Photovoltaikanlagen tragen zur Stromerzeugung bei. Die Beleuchtung mit Energiesparlampen ist tageslicht- und präsenzabhängig gestaltet.

Zum Energiekonzept gehören auch die Fassaden, die eigens für das Gebäudeensemble entwickelt wurden. Die  Kompakt-Doppelfassade ist auf dem neuesten Stand der Technik, mit Holz-Einsatzfenstern und integrierten Sonnenschutz hinter einer zusätzlichen Einfach-Außenverglasung aus 16 mm absturzsicherndem Verbundsicher­heitsglas. So können die inneren Holzeinsatzfenster aus ökologisch zertifizierter Tanne geöffnet werden. 80 mm breite Lamellen können in verschiedenen Bereichen unterschiedlich stark gekippt werden, so dass der Raum bei starker Sonneneinstrahlung nicht komplett verdunkelt werden muss. Sonnenlicht steht somit wohldosiert zur Verfügung und weniger Kunstlicht ist notwendig.

Der sichtbare architektonische Eindruck dieser Fassade vermittelt Stärke, weniger Eleganz, die vorgehängten Glaspaneele erzeugen einen grünlichen, sympathischen Haus­schleier. Das so genannte Fenster zur Stadt als Rücksprung der Fassade im Nordosten des Spiegel-Gebäudes erstreckt sich vom dritten bis ins zwölfte Obergeschoss als Struc­tural Glazing Fassade, mit mehr als 390 Elementen, jedes etwa 385 kg schwer und im Regelfall 1 350 x 3 530 mm groß. Öffnungs­flügel sind in die Konstruktion flächenbündig integriert, Brüstungsfelder und Öffnungselemente sind von außen und innen nahezu identisch. Tagsüber wirkt alles das ein bisschen streng, was von der ursprünglichen Idee eines Superscreen für die Stadt übrig geblieben ist. Abends leuchtet der Spiegel allerdings und verrät ein wenig vom Verlagsinnenleben. 

Das alte Spiegel-Haus hatte Verner Panton als Godfather des Spiegel-Millieus durch Bestuhlung und der weltberühmten Kantine geprägt (Sie wandert nun ins Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe). Der Neubau muss sich mit pantonesken Zitaten begnügen, beispielsweise in der neuen Cafeteria, die nachts unverkennbar als grellorange Wandcollage durch das Fenster zur Stadt als Collage leuchtet. Früher nannte man das Kunst am Bau. Doch das klingt ein wenig altmodisch in Zeiten von Smart Buildings.

Das Interview

Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter im Gespräch mit der DBZ über den Neubau des Spiegels

Aus städtebaulicher Sicht sind Sie sehr er­-freut über das Ergebnis: Bezogen auf den östlichen Übergang von der neuen Hafencity zur Innenstadt übernimmt das Spiegelgebäude eine wichtige Ordnungsfunktion für die innerstädtischen Hamburger Bereiche.

Jörn Walter: Die Ericusspitze ist ein Scharnier zwischen Hafencity, Speicherstadt, Kontorhausviertel und den Wallanlagen, noch dazu in herausgehobener Lage als eine der wenigen erhaltenen Eckbastionen der ehemaligen Befestigung Hamburgs aus der Zeit der Renaissance. Sie ist Ein- und Ausgangstor zugleich. Dieser speziellen Situation wird das Gebäude­ensemble mit seinem „Fenster“ zum Hauptbahnhof und zum Park, seinen „Spitzen“ in Korrespondenz zum Grundriss der Bastion und seinen prominenten Nachbarn Deichtorcenter und Chilehaus sowie dem räumlich spannungsvollen Durchgang zwischen den beiden Gebäuden zum Wasser mehr als gerecht.

Das Spiegelgebäude hat mit dem Ericuskontor einen kleinen Bruder bekommen. Sind beide zusammen jetzt Alter Ego zur Elbphilharmonie?

Jörn Walter: Alter Ego zur Elbphilharmonie will das Ensemble aus Spiegelneubau und Ericuskontor – denke ich – nicht sein. Die Gebäude sind architektonisch und inhaltlich sehr verschieden. Richtig ist aber, dass auf der städtebaulichen Ebene Verwandtschaften bestehen: Beide arbeiten mit dem Thema eines gläsernen Aufbaues auf einem backsteinernen Sockel und beide suchen nach Form- und Ortsprägung durch spannungsvoll inszenierte Volumen. Entsprechend wird sich das Ericuskontor als Abschluss des neuen Lohseparks der Hafencity nicht einfach mit einer abweisenden Wand, sondern einem dreidimensionalen Hohlkörper mit einem interessanten Lichtspiel als Blickpunkt von Süden präsentieren.

Sie waren wie bei allen wichtigen Hamburger Architekturwettbewerben in der Jury – sind Sie mit dem architektonischen Ergebnis einverstanden?

Jörn Walter: Insgesamt ja. Es hat Anpassun­gen aus Gründen der Nachhaltigkeit, der Kosten und der technischen Machbarkeit gegeben, aber das architektonische Gesamtkon­zept wurde vom Bauherrn, Mieter und den Architekten immer weiterverfolgt.

Dieses Gebäude ist ganz im Sinne der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz vorab mit dem Hafencity Goldstandard ausgezeichnet worden. Geht eine entsprechende Fassade zu Lasten der Eleganz der Außenhaut?

Jörn Walter: Es ist richtig, dass die Anforderungen an die energetische Nachhaltigkeit von Bauwerken (Dichtigkeit der Konstruktion, Integration technischer Einrichtungen usw.) die Feingliedrigkeit von Fassadenkonstruktionen beeinträchtigen. Das hat auch im Falle des Spiegelneubaues dem Gebäude etwas von der ursprünglichen Eleganz genommen; bau- und materialtechnisch sind wir leider noch nicht soweit, dass wir die erforderlichen Energieeffizienzstandards von heute mit filigranen Fassadenkonstruktionen, wie wir sie z.B. aus den 1950er Jahren kennen, erreichen können.

Das neue Spiegelhaus soll Verlagshaus sein, worauf in der Vergangenheit in Hamburg als Typus hohen Wert gelegt wurde. Kann es heute in unserer multimedialen Welt so etwas noch geben? Ist der Spiegel-Neubau die richtige Antwort auf die Veränderungen?

Jörn Walter: Der Spiegelneubau ist eine Antwort, ob die einzige, lasse ich dahin gestellt. Er ist ein Gebäude, das mehrere Nutzungen zulässt (Studio, Gastronomie, Archiv, Einbund-/Zweibund, Einzel- und Großraumbüros), Kommunikationszonen bereit hält und im wahrsten Sinne des Wortes Brücken schlägt, die auch horizontale Teilbarkeiten ermöglichen. Die Außen- und Innenraumbezüge der Arbeitsplätze sind teilweise sensationell und es könnte die schwierige Balance zwischen Abgeschiedenheit und Teilhabemög­lichkeit im Verlagsbau auf neue Art gelingen. Insoweit ist der Bau in jedem Fall eine ernst zu nehmende Antwort auf die Fragestellungen im zeitgenössischen Verlags- und Kontorhausbau.

Das klingt nahezu euphorisch – ist der  Spiegel-Bau auch ein Richtung weisendes Modell für unsere Arbeitsplatzqualität?

Jörn Walter: Gar keine Frage! Ich kenne nur wenige neue Bürobauten, die ein so hohes Anforderungsprofil nicht nur an die Nachhaltigkeit, sondern auch den Komfort für die Mitarbeiter stellen. Das spürt man in allen Details: Vom Vorhang über die Innenraummaterialien und die Möbel bis zur Beleuchtung, von der diskreten Integration der Kommunikations- und Sicherheitstechnik bis zum gestalterisch höchst engagierten Design der öffentlichen Orte Restaurant, Cafeteria, Besprechungsräumen usw.

Was ist für Sie das Wichtigste an diesem Bauwerk: Architektur, Konstruktion, Nachhaltigkeit oder Städtebau?

Jörn Walter: Der Spiegel-Neubau ist ein echtes Gesamtwerk der Baukunst. Ich freue mich besonders darüber, dass die Bebauung der Ericusspitze städtebaulich so gut gelungen ist. Zusammen mit dem Deichtorcenter zeigt sich Hamburg mit einem unverwechselbaren Stadteingang zur Hafencity und zur Altstadt. Und das ist es, worauf es hier ankommt: Besondere Identitäten der Stadt nicht nur zu wahren, sondern auch neu zu schaffen!

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