Das Künstlerische beflügeln: Kunsthalle Düsseldorf
Die Düsseldorfer Kunsthalle ist vielleicht so etwas wie das hässliche Entlein unter den Schwänen der Kulturbauten in der Landeshauptstadt. Gleichzeitig gilt sie als das Haus, das schon viele Künstlerinnen weltbekannt gemacht hat. Das dem Brutalismus zugerechnete „Biest“ am Grabbeplatz sollte schon mal abgerissen werden. Nun stehen Generalsanierung und Aktualisierung an – standen jedenfalls, denn jetzt ist erstmal (Denk-)Pause.
Düsseldorf und die Kunst, da kommt man an Joseph Beuys nicht vorbei. Wie wir überhaupt an diesem sehr speziellen und höchst einflussreichen Menschen nicht vorbei kommen; auch und vielleicht gerade nicht in der Architektur. Beuys arbeitete schon ein paar Jahre in Düsseldorf, bevor er 1962 eine Professur an der Kunstakademie erhielt (Professur für „monumentale Bildhauerei“). Mit Blick darauf, gleichzeitig jedoch mit Blick auf die wesentliche Weiterentwicklung der künstlerischen Haltung (zum bis heute rezipierten und kanonisierten Modell vom „Erweiterten Kunstbegriff“) überrascht es – und eben wieder nicht – dass ein insgesamt fortschrittlich eingeschätzter Professor mit vier weiteren Kollegen nach der Eröffnung der Kunsthalle 1967 proklamierte: „Das Biest muss weg“.
Das Biest war der „Kunstbunker“ – dem die Herren der Kunstakademie auch „Repräsentationssucht“ vorwarfen –, der am südlichen Rand des Grabbeplatzes 1967 als Neubau eröffnet hatte. Als Ersatz für den im Krieg zerstörten, klassizistischen Vorgängerbau, ist die Kunsthalle mit ihrer Fassade aus Waschbetonfertigteilplatten und wenigen Fensteröffnungen eine Provokation. Das Haus war von Anbeginn an nicht nur beliebt. Was möglicherweise auch an seiner direkten Nachbarschaft zur frühbarocken, ehemalige Hof- und Jesuitenkirche Sankt Andreas liegt, deren Volumen in der Höhe deutlich zu unterschreiten war, so der 1960 ausgelobte, auf NRW-Büros beschränkte Architekturwettbewerb. Ebenso war vorgegeben, dass die Ausstellungsräume mit Seitenlicht zu planen waren, dass wegen der schon geplanten Tiefgarage der Neubau auf Stützen stehen müsse und die schon festgelegten Zufahrten entsprechend freizuhalten waren.
Hinneigung zu plastischer Baugestaltung
Der Ende 1960 entschiedene Wettbewerb mit 96 Einreichungen ergab in letzter Runde drei Platzierungen: Platz 1: Bruno Dammann, Platz 2: Arge Beckmann & Brockes, Platz 3: Hans Spiertz. Juryvorsitzender war Friedrich Tamms, seines Zeichens Dezernent für das Bauwesen der Stadt. Tamms, unter Albert Speer u. a. Mitglied im „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“, protegierter Professor an der TU Berlin und auf der von A. Hitler geführten „Gottbegnadeten-Liste“ aufgeführt, hatte als Mitarbeiter der „Organisation Todt“ neben manchem einige Flak-Türme geplant, deren typologische Anleihen aus dem Burgenbau Wehrhaftigkeit suggerierten. Tamms nun, der sich selbst schon 1957 mit einem eigenen Entwurf zum Kunsthallenneubau in Stellung gebracht hatte, setzte dem Erstplatzierten, Bruno Dammann, derart mit Änderungswünschen zu, dass der schließlich das Handtuch warf. Worauf Tamms im November 1961 auf der Verwaltungsratssitzung des Kunstvereins (s)einen eigenen Entwurf vorlegte, der dem der Zweitplatzierten ähnelte. Man beschloss, diesen neuen Entwurf als Gemeinschaftsarbeit von Hochbauamt und Beckmann & Brockes zu realisieren. Tamms nannte diesen Entwurf später einen „Vorentwurf des Hochbauamtes“, dessen „weitere Planung [...] durch das Hochbauamt unter dessen Leiter, Baudirektor Herbert Heyne, in Zusammenarbeit mit der Architektengemeinschaft Konrade Beckmann und Christoph Brockes [erfolgte]“ (Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1967=SKH 1967).
Friedrich Tamms bezeichnet die Kunsthalle als Ergebnis einer „Hinneigung zu plastischer Baugestaltung“, die er auch bei der Philharmonie in Berlin, der Sydney Oper oder Ronchamp zu erkennen glaubte (SKH 1967, 11f.). Dass ein Modellfoto der Kunsthalle von 1964 noch nicht den „Dornenkranz“ zeigt – den angedeuteten Zinnenkranz als Attika – belegt Tamms Übergriffigkeit bis zum Schluss: Was als „Wandarchitektur“ in Abgrenzung zur ihren schützenden Eigenschaften negierenden Stahl-Glas-Architektur wehrhaft sein soll, kann, ja, muss mit die Wehr stützenden Details ausgestattet werden.
Plattenverpackt, ohne Willkommensgeste
Das Haus, das bis zur Jahrtausendwende städtisch war, dann in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt wurde mit Stellen- und Budgetabbau, bietet drei große Ausstellungsräume und eine Galerie. Außen werden die Säle über verglaste Satteldächer mit Tages-/Kunstlicht hell gemacht. Diese Lichtquellen, in großer Höhe und im Rahmen einer umfangreicheren Sanierung des Hauses 2000/2001 durch „rheinflügel architekten“ sichtbar gemacht, können komplett geschlossen werden. Auf zeitgenössischen Grundrissen wurde in einer der Galerien „Kino“ notiert.
Die beiden Ausstellungsgeschosse liegen auf dem leicht zurückspringenden und mit dunklem Stein verkleideten Sockelgeschoss. Dessen Höhe verlangte eine vor die Eingangsseite gestellte Treppenanlage, die bauzeitlich noch zum Platz hin eine Mauer war und nur von den Seiten aus betreten werden konnte. Die im Zuge des Neubaus des gegenüberliegenden K20 (Dissing + Weitling, 1986 eröffnet) vorgenommene Umgestaltung des Grabbeplatzes erlaubte die Öffnung des Treppenpodests in der Achse der den Bau aufschließenden Glasfuge vor dem Kunsthallenfoyer. Vom Foyer geht es über eine als Betonplas-tik geformte Treppe ins 1. OG mit seinen Ausstellungsräumen links (Seitenlichtraum) und rechts (Ausstellungshalle) mit hochliegender, nur aus dem 2. OG erreichbarer Galerie.
Man könnte nun sagen, das Haus hätte alles hinter sich und wäre längst dort, wo Kunsthallen mit internationaler Ausstrahlung seien: Ort der (geldwerten) Kunstadelung. Aber ein Gebäude dieser Bauzeit altert in allen Belangen.
Grundsanierung: Öffnung zum Stadtraum
So gab es 2022 einen Rats- und Bedarfsbeschluss zur Gesamtsanierung der Kunsthalle Düsseldorf, mit Schwerpunkt auf der energetischen Sanierung. Das anschließende VgV-Verfahren konnten die Architekturbüros Stöbe Architekten, Düsseldorf, und Molestina Architekten + Stadtplaner, Köln für sich entscheiden. Zur Grundsanierung kommen bauliche Eingriffe, die in Absprache auch mit der Denkmalpflege, die Kunsthalle weiter öffnen und das Raumprogramm neu aufsetzen. So wird als zentraler Eingriff aus der wehrhaften Treppenanlage eine einladende Rampe, der eher einem Zweck dienende Eingang wird zum Portal, das Foyer freigeräumt und näher an den „Salon des Amateurs“ herangeführt, einer kleinen Bar, die ebenso wie das schon immer vorhandene „Kom(m)ödchen“ Gast im Volumen sind, aber nicht unbedingt Familienmitglieder. Die hintere Wand des Foyers wird geöffnet, der sich hier anschließende Luftraum (Einfahrt Tiefgarage) zu den Fahrstühlen überbrückt, womit neue Räume gewonnen werden. Zum Foyer komplett verglast wird eine Museumspädagogik einziehen, der alte Kassenraum zum Multifunktionsraum für kleinere Veranstaltungen. Ansonsten: Die Bauplastik bleibt, wie sie ist: ein „Bunker mit Dornenkrone“ (Basler Nachrichten, 1.9.1966).
Die Interimsleitung, Alicia Holthausen (hier in der Rubrik „Im Gespräch mit …“, S. 14f.), wird die mindestens drei Jahre dauernde Pause vor dem auf 2029 verschobenen Start der Grundsanierung zu Experimenten nutzen. Die Architektur Friedrich Tamms („the first Brutalist“, Jonathan Meades) wird das spielend aushalten und mehr noch: Sie wird das Künstlerische beflügeln!
Benedikt Kraft/DBZ
