Biografisches ganz anders

Der Titel des Buchs „Wir Günther Domenig“ ist wenigstens zweierlei zu deuten: Einmal als eine Behauptung von Königlichkeit (Pluralis Majestatis), dann als das, was er wohl andeuten will: Wir alle. Wir alle schauen auf den Architekten und haben sofort sehr viele (oder auch gar keine, dazwischen gibt es nichts) Bilder, Geschichten, Hören­sagen, unterschiedliche, gleiche, ähnliche, die sich zu einer Vorstellung formen, zu einem gängigen Bild. Das so sehr Gängige aufzubrechen, unternimmt nun diese Publikation als „Versuch einer Korrektur tradierter Architekten-Biografien“ (Verlag), am Beispiel des Grazer Architekten Günther Domenig (1934–2012).

Um es gleich zu schreiben: Der Rezensent, der den Architekten persönlich kannte und ihn als Person viel mehr schätzte als sein Werk (DBZ 06 | 1999ff.), ist begeistert. Nicht wegen des hier unternommenen Versuchs, eine Biografie einmal ganz grundsätzlich zu schreiben – vielstimmig, widersprüchlich, sentimental, intim, kennerhaft – sondern auch, weil wir mit diesem Buch den Domenig-Komplex noch einmal und berührend anschaulich, also sehr lebendig vorgeführt bekommen. Déjà-vu!?

Eine Legende war er schon zu Lebzeiten, nicht unbedingt eine durch und durch als sympathisch erscheinende. Eine Legende ist er immer noch, und würde man nicht häufiger daran und damit arbeiten, würden die Geschichten, die Klischees von Geschichten wachsen und sich irgendwann mit leisem Knall für immer auflösen.

Durch die Augen von Auftraggebern, Partnerinnen, Mitarbeiterinnen und Studenten schaut die Herausgeberarbeit auf „seine“ Bauten, die meist auch viel mehr Väter und Mütter hatten als den Grazer allein. Sie schaut auf seine Position in dem großen Netzwerk, das über zahlreiche Kurzbiografien der hier Herausragenden umrissen wird. Ein Namedropping, das Zeiten evoziert, die schon länger zurückliegen, aber immer noch ­virulent sind, die Karrieren der meisten belegen das nachdrücklich.

Unter den Herausragenden finden sich Eilfried Huth und Volker Gienke, deren hier transkribierte Video-Interviews aus dem Jahr 2004 zum „Domenig-Komplex“ anschauliche und sehr persönliche Perspektiven auf Biografien öffnen ... durchaus auch auf die der beiden genannten.

Was wir haben: Ein wunderbares Lesebuch. Einen tieferen Einblick in die Architekturgeschichte ­Österreichs vom Ende des letzten Jahrtausends. Eine starke Vorlage dafür, wie Architektur­geschichte und -geschichten zusammengebracht und hell gemacht werden können. Kurz: Die perfekte Biografie von Einem, der immer daran dachte, „die ganze scheiß Architektur auf[zugeben] und […] Malerei [zu machen] (G. Domenig), immer aber und bis ins hohe Alter „sehr gute Sachen“ (V. Gienke) machte. Mit ausgewählter Literatur und Namensregister. ⇥Be. K.

Wir Günther Domenig. Korrekturen einer Legende. Hrsg. v. Wolfdieter Dreibholz, Michael Zinganel. Park Books, Zürich 2025, 240 S., 78 Farb- u. 92 sw-Abb.

41 €, ISBN 978-3-03860-454-9

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