Betriebskindergarten, Weilimdorf
Der Betriebskindergarten Wilde Wiese für Vector Informatik von schleicher.ragaller Architekten aus Stuttgart ist ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Auftraggebende und -nehmende ähnlich hohe Ansprüche an die Architektur haben. In diesem Falle betrifft das die feine Materialität, die Freude am Detail und eine interessante Idee für den Grundriss, der dank einer kleinen Drehung räumliche Qualitäten erzeugt, die sowohl innen als auch außen wirken.
Ein Haus auf der grünen Wiese zu planen, klingt erstmal nach der großen gestalterischen Freiheit, ist in Wirklichkeit aber so schön wie schwierig. Schön, weil man damit erstmal vollkommen unvoreingenommen entwerfen darf. Schwierig, weil einen die Realität irgendwann einholt und man lernen muss, den diversen Ansprüchen einer realistischen Planung gerecht zu werden. Auch wenn es um eine so sinnstiftende Bauaufgabe wie eine Kita geht, sind solche Ansprüche nicht zu vernachlässigen. Auch nicht auf einer grünen Wiese.
Im Gewerbegebiet
Nur grün ist es allerdings in Weilimdorf, nordwestlich von Stuttgart erstmal nicht. Der eingeschossige, holzbeplankte Riegel der von schleicher.ragaller entworfenen Betriebskita Wilde Wiese steht im Kontext eines Gewerbegebiets und ist dem Unternehmen Vector Informatik angegliedert. Neben Vector, die vor Ort mehrere Gebäude belegen, findet man dort voluminöse Bürobauten und noch voluminösere Gewerbe- und Logistikhallen. Die 4-gruppige Kita wiederum ist auf einem freigelegten, dreieckigen Grundstück angesiedelt, auf dem vormals eine Zimmerei und Holzhandlung stand. Das westlich der Kita gelegene, noch freie Baufeld ist eine potenzielle Erweiterungsfläche für den Standort von Vector. Das Grundstück der Kita selbst wird südlich durch die das Gewerbegebiet von Ost nach West erschließende Motorstraße definiert. Östlich verläuft ein Rad- und Fußgängerweg parallel zum Lindenbach, der das Gebiet diagonal in nord-westlicher Fließrichtung durchschneidet. Während die benachbarte Erweiterungsfläche noch orthogonal geformt ist, spitzt sich das Grundstück der Kita somit nach Norden zu.
Auf einem dreieckigen Grundstück
Damit ist die erste Relativierung der großen gestalterischen Freiheit auf der grünen Wiese städtebaulicher Natur. Denn ein dreieckiges Grundstück ist gar nicht so einfach zu bespielen, zumal die Nachbarschaft am liebsten Formen mit orthogonaler Ökonomie ausformt.
Die ersten Entwurfsvarianten vom Stuttgarter Architekturbüro schleicher.ragaller, die für die Planung der Kita direkt beauftragt waren, folgten dementsprechend zunächst der westlichen Grundstückskante, die eine Ausrichtung des Baukörpers im Raster der Hauptgebäude zuließ. Dass die axiale Nord-Süd-Verbindung aus dem grünen Innenbereich des benachbarten Hauptsitzes von Vector damit betont würde, unterstützte diese erste Idee. Gerade diese grüne Achse soll in Zukunft weitergeführt werden und so den Campus, zu dem sich der Standort von Vector auswächst, formal verbinden. Stattdessen wurde die Kita allerdings parallel zum Rad- und Fußgängerweg am Lindenbach ausgerichtet. „Wir wollten eine Westausrichtung der Spielbereiche ermöglichen und die Ruheräume nicht entlang eines potenziellen Erschließungsbereichs anordnen“, sagt Michael Ragaller, einer der namensgebenden Partner des Architekturbüros, dazu.
Dreieck draußen, Dreieck drinnen
Auf die Frage, ob die Aussicht der Kinder trotz des geschaffenen Abstands per Spielfläche in Zukunft nicht doch schlicht auf ein Büro oder im Zweifel sogar eine Parkpallette fallen würde, verweist Ragaller auf die entsprechende Grünflächenplanung von den ebenfalls aus Stuttgart kommenden Koeber Landschaftsarchitekten. Diese entwarfen für die Westseite der Kita eine hügelige, großzügig bepflanzte Spiellandschaft, die mit Wasserspiel und Klettermöglichkeiten ausgestattet ist. Topografie und Großgehölz dienen dabei auch als visueller Puffer und bieten den Kindern eine Vielzahl an Spielmöglichkeiten.Als Schwelle zwischen der Spiellandschaft draußen und den Gruppenräumen drinnen dienen dabei überdachte Terrassen. Diese sind im Fischgrätmuster gepflastert und schließen zur grünen Spiellandschaft mit einem dreischichtigen „Saum“ mit einer Rollschicht und einem zweilagigen Läuferverband ab. Das Fischgrätmuster nimmt dabei die dreieckige Fläche der Terrassen auf, dessen Form auf einen „Kniff“ im Grundriss zurückgeht. Dabei wurden die Gruppenräume entgegen der dia-gonalen Ausrichtung des Baukörpers um 90 Grad gedreht und in Ost-West Ausrichtung gebracht, wodurch sich die westliche Flanke mit dem Außenraum verzahnt und nach innen wiederum dreieckige Gemeinschaftsbereiche vor den Gruppenräumen entstehen.
Um diese geometrisch speziellen Räume ausreichend zu belichten, wurden jeweils Oberlichter eingebaut. Im Inneren kamen dafür parallel zur langen Dachkante angeordnete, nach Nordosten geöffnete Sheds zum Einsatz. Deren Lichteinfall kann sich von den Gemeinschaftsbereichen dann durch unter der Decke angeordnete Glasbänder bis in die Gruppenräume ausbreiten. Für die runden Oberlichter über den dreieckigen Terrassen gibt Ragaller zu bedenken: „Den Lichteinfall unter den Vordächern konnte niemand DIN-konform ausrechnen“. Die Konstruktion fiel dafür denkbar einfach aus: Auf einem runden Stahlrahmen liegen schlichte Glasscheiben auf, während die darunter durchlaufende Holzkonstruktion des Dachs wie Lamellen gegen die direkte Sonneneinstrahlung wirkt.
Polsterkissenpyramiden fürs Picknick
Nur Gruppenräume und deren Gemeinschaftsbereiche samt einem üppigen Außenbereich reichen aber noch nicht für einen reibungslosen Kitabetrieb. Auch das ist Teil der Realität. Das Raumprogramm entsprechend der Funktion beginnt tatsächlich bereits beim kurzen Parken, um das Kind in Obhut zu geben. Im Falle der Kita ist dieser Bereich zum Parken rund um eine bereits bestehende Garage samt Lager angeordnet, was ausschlaggebend für die Position der Kita war. Diese rückt ein ganzes Stück von der Motorstraße ab, damit hinter der Umfahrt der Parkzone die maximale Außenfläche vor den Gruppenräumen genutzt werden kann. Damit platziert sich der Baukörper mehr oder weniger mittig an der östlichen Grundstückskante.
Der erste dreieckige, überdachte Vorbereich, der vom Parkplatz aus erreicht wird, ist der Eingang, an dem sich zur rechten Seite eine hochgezogene Fensterbrüstung aus Beton als Sitzfläche zum Warten anbietet. Betritt man von hier aus die Kita, findet man ebenfalls zur Rechten einen Empfangstresen, hinter dem die Personalräume mit Blick auf das Kommen und Gehen angeordnet sind. Der damit betretene Empfangsbereich ist der erste dreieckige, aber für Versammlungen erweiterbare Innenraum und somit Vorbote der darauf hintereinander folgenden vier Gemeinschaftsbereiche. Diese wurden raumgreifend thematisch gestaltet und so sind dort neben einer Sitzarena, einer Picknick- oder Polsterkissenbauzone jeweils die Garderoben untergebracht. Zur Linken, also nach Westen sind die gedrehten Gruppenräume angeordnet und jeweils in zwei Räume geteilt, damit die Kinder sich bei Bedarf zurückziehen können. Zur Rechten, also zur Bachseite gerichtet, befinden sich die Ruheräume sowie die Koch- und Essbereiche. Dabei wird neben einer vollumfänglichen Gastroküche auch eine Gemeinschaftsküche geboten, die per Durchreiche an den zentral gelegenen Gemeinschaftsbereich angeschlossen ist. Am Ende der Enfilade von insgesamt fünf Dreiecken gelangt man schließlich zum nicht zu klein bemessenen Haustechnikraum.
Präzision bis zur Pedanterie ...
Damit kommt eine weitere Realität ins Spiel, die in diesem Fall auf die großen Ambitionen des Auftraggebers in Sachen Nachhaltigkeit zurückzuführen ist. Angestrebt war von vornherein eine DGNB-Zertifizierung, womit Technik, Material und nicht zuletzt die gute Gestaltung von entsprechender Bedeutung waren. Tatsächlich wird die Lüftung pro Gruppenraum separat geregelt und die dafür nötige Technik in den Einbauschränken samt perforierter Akustikoberfläche verborgen. Zu bedenken ist dabei, dass eine DGNB-Zertifizierung bauphysikalisch eine kontrollierte, mechanische Lüftung voraussetzt und eine händische Lüftung erstmal ausschließt.
Die Dezentralität war dabei allerdings auch ein wichtiges Anliegen für die Gestaltung, wie Ragaller erläutert. „Die Sichtbarkeit der Holzkonstruktion des Dachs war für uns wichtig, weswegen eine abgehängte Decke mit zentraler Lüftungsanlage nicht in Frage kam.“ Die Holzkonstruktion der Decke wiederum besteht aus schlanken Rippen aus Furnierschichtholz, die mit gestalterischer Konsequenz über die Räume hinweg von innen nach außen durchlaufen. Um dabei den akustischen Ansprüchen gerecht zu werden, wurde um jeden Zentimeter der Abhanghöhe der zwischen den Rippen eingebrachten Akustikplatten gerungen. „Am Ende ging es um 2 cm, die von der Bauphysik per Diagramm vorgerechnet wurden“, berichtet Ragaller. Weniger pedantisch, aber ebenso präzise detailliert wurden die Brettstapeldecken mit lamellierter Unterseite in den Ruhe- und Essbereichen ausgeführt. Diese waren aus bauphysikalischen Gründen der Rippendecke vorzuziehen und nehmen in den schlanken Stoßfugen die Technik und Beleuchtung dezent auf, wodurch sich eine zusätzliche Abhangdecke erübrigte.
… zahlt sich am Ende aus
Ein weiteres Material, um das während der Planung im Sinne der Nachhaltigkeit gerungen wurde, war das der Innenwände für die nötige thermische Masse. „Wir haben zusammen mit Sustainable Strategies die Materialität untersucht und hatten zunächst über Stampflehm nachgedacht, was aber preislich leider verworfen wurde“, bedauert Ragaller. Nach dem Lehm kamen Grünlinge, was wiederum mit einer pünktlich zur Planung herausgegebenen Brandschutzrichtlinie insofern ad absurdum geführt wurde, als das diese verlangte, dass eine 20 mm dicke Putzschicht aufgebracht werden müsste. „Wir wollten das Material ganz bewusst zeigen, weswegen ein Putz für uns nicht in Frage kam“, so Ragaller. Also kamen Ziegel zum Einsatz, die auch eine „haptische Erfahrung“ für die Kinder ermöglichen.
Die aus Recyclingbeton gegossene und mit Schaumglasschotter gedämmte Bodenplatte, die mit einer auf Geothermie basierenden Heizung bestückt ist, bleibt neben den Wandaufkantungen der Spritzwasserbereiche das einzige aus Beton gefertigte Bauteil. Der Rest ist zum größten Teil eine Holzkonstruktion, was auch die Möbel und Einbauten betrifft. Was wiederum insofern bemerkenswert ist, da es nicht immer üblich ist, dass ein Architekturbüro auch für eine geeignete, passgenaue Einbaumöblierung beauftragt wird. Zu gerne greift man dafür auf deutlich günstigere Fertigmöbel zurück, was sich aber im Sinne der Ausbauqualität und optimierter Stauräume oft nicht auszahlt.
Dank dieses bedachten Umgangs mit Material und Technik wurde das Gebäude mit einem DGNB-Platin-Zertifikat und schlussendlich, entsprechend der Bewertung der einer unabhängigen Jury, die nicht zuletzt auch die baukünstlerische Qualität bewertet, mit einem DGNB-Diamant-Siegel ausgezeichnet.
Für die Kids und alle anderen
So schwierig es also auch sein mag, solche Qualität zu erreichen, so schön ist am Ende das Resultat, das da auf der grünen Wiese in Weilimdorf nun steht. Das dies nicht nur eine subjektive Sichtweise ist, bestätigen die Prämierungen und zudem die Aufnahme in die Shortlist eines prominenten deutschen Architekturpreises. Sogar die auf den Zentimeter bemessene akustische Performanz wurde am Ende übererfüllt. Dass in diesem Falle ein Unternehmen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erklärterweise ein anspruchsvolles Gebäude zur Verfügung stellen möchte, kann einer Bauaufgabe wie einer Kita nur guttun. Den Kleinsten und all denen, die in der Kita Wilde Wiese täglich ein- und ausgehen, wird es allemal gerecht.
⇥Hartmut Raendchen/DBZ
Die simple Grundrissidee der verdrehten Anordnung der Gruppenräume führt innen wie außen zu hohen räumlichen Qualitäten. Das punktuelle Aufklappen des Flachdachs führt zu einer großzügigen natürlichen Belichtung der inneren Erschließungsflächen.«
DBZ-Heftpartner Schoener und Panzer Architekten
Projektdaten
Projektname: Betriebskindergarten Weilimdorf
Architektur: schleicher.ragaller freie architekten bda partnerschaft Mbb, www.schleicher-ragaller.de
Team: Michael Ragaller (Projektleitung), Domenik Schleicher (stellv. Projektleitung), Frauke Weißinger (Projektleitung), Maximilian Scheffel (Projektleitung/Bauleitung), Marco Feil, Emmet Kenny, Claudia Kaufmann
Standort: Stuttgart, Weilimdorf
Bauherrin: Vector Informatik GmbH, www.vector.com
vertreten durch: Sebastian Gaiser, Antonio Migliore, Pascal Kälber
Nutzerin: KinderHut GmbH, www.kinderhut.de
Bauzeit: 04.2023 – 08.2024
Nutzfläche gesamt: 985 m2
Technikfläche: 81 m2
Verkehrsfläche: 151 m2
Brutto-Grundfläche: 1 550 m2
Brutto-Rauminhalt: 6 877 m3
Fachplanung
Tragwerksplanung (Entwurf): BuP. Boll Beraten und Planen Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG, www.bup-ing.de
Tragwerksplanung (Ausführung): Boll Partner für Tragwerke GmbH & Co. KG, www.bollpartnertragwerke.de
HLS-Planung: Krebs Ingenieure GmbH, www.krebs-ingenieure.de
ELT-Planung: Müller & Bleher Filderstadt GmbH & Co. KG, www.mueller-bleher.de
Lichtplanung: FaktorLicht GmbH & Co. KG, www.faktorlicht.de
Bauphysik: Kurz und Fischer GmbH, www.kurz-fischer.de
Landschaftsarchitektur: Koeber Landschaftsarchitektur GmbH, www.koeber-la.de
DGNB Auditor: sustainable strategies, www.sustainable-strategies.eu
Brandschutz: C&M Brandschutzingenieure, Ilka Claus & Sarah Maschke PartGmbB, www.cm-brandschutzing.de
Küchenplanung: Ingenieurgruppe Walter und Partner GBR, www.ig-walter.de
Energie
Primärenergiebedarf: 44,6 kWh/m²a nach EnEV
Endenergiebedarf: 51,55 kWh/m²a nach EnEV
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand: U = 0,171 W/(m²K)
Bodenplatte: U = 0,201 W/(m²K)
Dach: U = 0,146 W/(m²K)
Fenster: Uw = 0,90 W/(m²K)
Hersteller
Beleuchtung: Georg Bechter Licht
Bodenbeläge: Forbo
Dach: Bemo
Fassadenlasur: Adler
Innenlasur: Adler
Lüftung: Trox
Sonnenschutz: Warema
