Bauboom Kindertagesstätte – Verantwortung und Chance
Seit dem 01. April 2013 besteht in Deutschland für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr ein gesetzlicher Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Seitdem steigt der demografischen Entwicklung zum Trotz die Nachfrage nach Kita-Plätzen kontinuierlich. Jahr für Jahr entsteht bundesweit eine dreistellige Zahl neuer Gebäude für die frühkindliche Betreuung. Der Kita-Bau rückt damit zunehmend in eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
Als Architekten haben wir an dieser Verantwortung einen besonderen Anteil. Zwar scheint die Errichtung von Kindertagesstätten durch umfassende Regelwerke ausreichend beschrieben. Die Vorgaben hören aber an entscheidender Stelle auf: Räumliche Qualität ist genauso wenig normierbar wie Oberflächenhaptik oder Atmosphäre. Dabei gehören genau diese weicheren Kriterien in den Fokus unseres Schaffens. Schließlich sind Kindertagesstätten die Orte, an denen Kinder ihre erste Architekturerfahrung außerhalb des Elternhauses sammeln, in denen sie in der sozialen Interaktion Raum demokratisieren und deren Oberflächen sie – als wohl einzige Nutzerschaft überhaupt – mit allen Sinnen erfahren. Die Architektur kann als dritter Pädagoge (Loris Malaguzzi) unsere Kinder ästhetisch bilden und unsere Zukunft damit langfristig prägen.
Wie bei jeglicher Bautätigkeit tragen wir auch beim Bau von Kindertagesstätten eine hohe Verantwortung gegenüber der Umwelt. Die Bauaufgabe ist in besonderer Weise für nachhaltige Bauweisen geeignet, da ökologische Vorteile mit einer als kindgerecht empfundenen Atmosphäre harmonisch zusammenwirken. Natürliche Materialien und Oberflächen sind mit Anforderungen an Hygiene, Robustheit und Langlebigkeit gut vereinbar. So ist es kein Zufall, dass ein Großteil der als qualitativ hochwertig wahrgenommenen Neubauten der letzten Jahre in Holzbauweise errichtet wurde. Die aus dem Raumprogramm einer Kindertagesstätte resultierenden Maßstäbe und Spannweiten sind dabei wirtschaftlich umsetzbar, außerdem bringt der CO2-Speicher raumakustische Vorteile und reguliert die Luftfeuchte. Die genaue Spezifikation der Holzbauweise ist offen: Kitas werden in Massivholzbauweise, im aufgelösten Skelettbau oder als Holzhybridbau errichtet. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte lässt hoffen, dass der Kita-Bau auch künftig als Erprobungsfeld neuer Bauweisen genutzt werden darf und beispielgebende Kindertagesstätten aus Stroh, Lehm oder Recyclingmaterial entstehen.
Nicht zuletzt birgt die Errichtung von Kita-Bauten auch eine stadträumliche und soziale Verantwortung. Über ihre originäre Zweckbestimmung hinaus können die Betreuungseinrichtungen insbesondere in gewachsenen Quartieren wichtige Bausteine gesellschaftlichen Zusammenhalts bilden. Die Öffnung einzelner Räume oder Freibereiche schafft Orte für Begegnung und Austausch und stärkt nachbarschaftliche Strukturen. Im Stadtgefüge leisten die Gebäude damit einen Beitrag zur demokratischen Teilhabe – ein Potential, das vielerorts noch zu wenig beachtet wird.
Als Planende müssen wir uns dieser vielschichtigen Verantwortung bewusst sein, um fortlaufend zukunftsfähige Konzepte entwickeln und das Experimentierfeld Kita-Bau weiter bestellen zu können. Verantwortung übernehmen heißt aber auch, Vertrauen zu erhalten. Nur mit agilen Verwaltungen und innovativen Trägern können Standards kritisch hinterfragt werden und Spielräume für überraschende Lösungen und architektonische Qualität entstehen. Der Chance auf bessere Lösungen sollte dabei gegenüber der Angst vor Ungewohntem stets der Vorzug gegeben werden – die Kinder werden es uns danken.
