DBZ-Heftpartner ksg architekten, Köln/Leipzig/Berlin

Auf das Wesentliche konzentriert

Mit Bestand umzugehen bedeutet, dass sich die Arbeit der Architektur anders definiert als dies bei einem Neubau der Fall ist – besonders, wenn sich seine Nutzung verändern soll.  Eine Transformation bedeutet, der Persönlichkeit des Bestands neue Fähigkeiten hinzuzufügen und Wesenszüge zu ergänzen. In diesem Prozess ist viel möglich, aber die Seele darf dem Bestand nicht so weit ausgetrieben werden, dass Hüllen, Spolien oder auf den Kopf gestellte Strukturen bleiben. Es ist ein ­schmaler Grat, denn der ökonomische Verwertungsdruck ist groß.

ksg nimmt dabei eine Haltung ein, die geprägt ist vom Respekt gegenüber der Bestandsidentität. Um- oder Überformung bedeutet für ksg, semantische Elemente des Bestands weder zu löschen oder beliebig zu interpretieren, auch geht es nicht um eine rein denkmalpflegerische Herangehensweise. Es gilt, das „Skelett“ aus Struktur und Tektonik zu identifizieren als eine erste Grundvoraussetzung weiterer Arbeit. Das Innere des Bestands wird nicht bis auf die Fassade entkernt, sondern das Wesentliche des Bestands bleibt nach der Transformation identitätsstiftendes Element. Das bedarf präzise gesetzter Maßnahmen in den Strukturen – skulpturale Eingriffe – um die Aktivierung des Bestands zu ermöglichen. Gemeinsam mit neuen Elementen sollen die Bauwerke verblasste Präsenz wiedergewinnen, sich verjüngt und belebt in die Topografie der Stadt einspielen und die Aura ihrer Geschichte einbringen.

ksg hat mittlerweile eine Tradition im Umbau von Transformationen großer Bauten bzw. Gebäudeensembles. Begonnen hat es mit dem „Siebengebirge“ am Rhein, dem Kornspeicher der nationalen Notreserve. Im Laufe der Zeit sind die Leipziger Stadtbibliothek, das Gerling Quartier in Köln, die Bundesbahndirektion in Wuppertal, das Postverteilzentrum in Wuppertal, ein Universitätsgebäude in Tübingen und die alte Anatomie in Würzburg in einem historischen Gebäude erneuert und das Quelle-Gebäude in Nürnberg transformiert sowie ein zu einem jüdischen Gemeindezentrum ausgebautes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert in Bayreuth gerade fertiggestellt worden. Bei der Rückschau, zu der diese Heftpartnerschaft einlädt, lassen sich unsere Strategien in vier Thesen bündeln.

1. Jedes Gebäude lässt sich umnutzen.

 Es gibt nur wenige, aber doch gravierende Argumente für einen Abriss. Selbst eine umfangreiche Schadstoffsanierung ist kein Abrissgrund. Es sind zu geringe Geschosshöhen und mangelnde Tragfähigkeit, die ernste Probleme bei einer angemessenen Wirtschaftlichkeit bereiten. Umgekehrt bedeutet es auch, dass vieles möglich ist und erfreulicherweise haben sich die Einschätzungen der Bauherren im Umgang mit Bestand verändert.

2. Bestandsbauten bieten zusätzliche Raumoptionen für die neuen Nutzungen.

Eine neue Nutzung bedarf der Anpassung eines fiktiven Raumprogramms an den Bestand. So bei der ehemaligen Bundesbahndirektion in Wuppertal, wo letztlich die Zahl der Arbeitsplätze der alleinige Parameter war. Das Gebäude stellt sich großzügiger dar als ein durchrationalisierter Neubau es hätte sein können: Die überdachten Innenhöfe erwiesen sich für das Bürgerzentrum als ideal und die breiten Flure entwickelten zusätzliches Nutzungspotenzial.

3. Skulpturales Eingreifen erlaubt einen Typologiewechsel. Wegnehmen ist oft mehr.

Das Projekt Quelle steht exemplarisch für die Transformation großflächiger Bestandsstrukturen im urbanen Raum. Doch die weiten Geschossebenen hatten keinerlei strukturierende Elemente, die ordnend eine Wohn- oder Bürotypologie ermög­lichten. Im ersten Bauabschnitt wurden acht schmale Innenhöfe in die Gebäudetiefe ausgeschnitten. Sie strukturieren die weitläufigen Grundrisse und machen eine flexible Nutzung möglich, auch wenn erhebliche Gebäudeflächen weggenommen wurden. So kann die übrige Bestandsmasse, wie auch die Fassade, erhalten bleiben.  Das Vorgehen ähnelt dem eines Bildhauers, der eine Form herausarbeitet oder eines Gärtners, der eine Baumkrone auslichtet.

4. Nachhaltige Transformation bedeutet, mit der vorhandenen baulichen Struktur als Ressource zu arbeiten.

Transformationsprojekte verlangen ein Aushandeln von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Häufig rücken ambitionierte Strategien im Laufe des Bauprozesses in den Hintergrund. In der Rückschau haben sich erste Ideen nicht als nachhaltig erwiesen. Je länger man sich mit einem Gebäude und dessen stillem Widerstand durch die Substanz beschäftigt, desto reduzierter, aber präziser werden die Eingriffe. Bei dem seit zehn Jahren andauernden Projekt Quelle zeigt sich, wie wichtig eine präzise Bestandsaufnahme im Vorfeld ist und wie bitter die Folgen sind, wenn sie ausbleibt. Ziel muss sein, so früh wie möglich die Weiternutzung von Material und Substanz zu prüfen und auf dieser Grundlage zu planen.

Über eine denkmalpflegerische Dimension hinaus interessiert sich ksg nicht nur für die materielle Ressource Bestand, sondern auch für deren Zukunftsfähigkeit als kultureller und sozialer Inkubator eines Quartiers. Wir haben oft erlebt, dass für die Menschen, die dort gewohnt oder gearbeitet haben, durch die Transformation die Möglichkeit gegeben ist, Geschichte und Zukunft zu verbinden. In einer Zeit, wo vieles Alte dem Neuen geopfert wird oder man über die Menschen hinweggeht, die einen Verlust der Identität klagen, können transformierte Gebäude als wichtige politische Statements betrachtet werden.

Hören Sie dazu auch unseren
Podcast mit
Ruth Hofmann-Richert
und Kathrin Winterhagen
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