Antifascist Architecture?
Zunächst einmal überrascht die vorliegende Publikation schon nach wenigen Seiten: Ihr ganzer Gestus, Inhalt, ihre Sprache, Gestaltung etc. scheinen so gar nicht zum Rest des Verlagsprogramms zu passen! Alternativ, maximal politisch, einem dezidiert linken Autorenspektrum zugehörig und in mehrerlei Hinsicht rigoros parteiisch. Ungewohnt deutlich die Schriftsprache: Es gibt Schimpf- und Schmähworte, gleich zu Anfang wird Philip Johnson als „reicher Faschist aus Ohio“ eingeführt, der mit anderen großen Architekten und Kritikern seiner Zeit das Faschistische (ich nenne das mal den Albert-Speer-Komplex) relativierte. Giuseppe Terragnis Arbeiten – hier insbesondere die Casa del Fascio (später Casa del Popolo) – wurden von Peter Eisenman „und seinen Kumpanen“ stilkritisch positiv bewertet. Das MoMA oder die Cornell, die Princeton University, hätten in den 1970er- und 1980er-Jahren offen die Faschistische Architektur Europas als auch vorbildlich für die weitere Architekturentwicklung charakterisiert. In Deutschland gab es wie in Italien die bleierne Zeit, der Kommunist Piere Paolo Pasolini wurde von Faschisten ermordet. Franco, Salazar … Der Faschismus, so die Autoren, sei nie verschwunden und mit ihm ebenfalls nicht seine Architektur.
Und hier wird es nun interessant: Werden wir über die Geschichten zu Faschisten und Anti-Faschisten dem näherkommen, was uns auf dem Titel dieses Buchs versprochen wird: einer antifaschistischen Architektur? Die Antifaschisten/Aktivisten/Architekten werden uns in kurzen bio-grafischen Abrissen vorgestellt: Sie kommen aus Ländern wie Jugoslawien, Indonesien, Cuba, Algerien, den USA oder auch Deutschland (Margarete Schütte-Lihotzky, die in einem letzten Interview anmerkte, sie hätte niemals „diese verdammte Küche entworfen“, hätte sie geahnt, dass man sie am Ende ausschließlich mit dieser in Verbindung bringt). Was diese Antifa-Architektinnen planten, was sie bauten … Wohnungsbau für die Arbeiter, Denkmale für die Arbeiter und die Internationale … Antifa-Architektur?
Im zweiten Kapitel kommen dann die Bauten, Schulen, Kulturzentren, Wohnkomplexe. Wenige von ihnen sind noch am Leben, viele ins Abseits gedrängt, verwahrlost und schließlich abgerissen. Die Autoren vermuten ihren „noch lebendigen Geist“ oder möchten mit ihren lebendigen Portraits an Bauten erinnern, die ihre Entstehung und ebenso ihr Verschwinden einem politischen Willen verdanken.
Nun sind wir aufgefordert, das Antifaschistische zu lesen, das sich im ersten Zugriff über eine kollektive Planung, den öffentlichen Charakter oder schlicht einer Widmung offenbart (Karl-Marx-Hof, Wien). Dass einige dieser Bauten dezidierte „Arbeiterhäuser“ waren, macht sie nicht gleich zu antifaschistischen Bauten – die Faschisten hatten „Volkshäuser“ geplant und gebaut.
Im letzten Kapitel geht es im Galopp durch den Syndikalismus, Anarchismus, durch Theorie- und Praxiswelten, die zu einem anderen Bauen inspirieren sollen. Die Autoren schauen auf BIM, auf das Transdisziplinäre/Anti-Disziplinäre und auf die Architektur der Gefängnisse. Im Ganzen ist die Arbeit eine schnörkellose Aufforderung, kritischer zu denken, auch zur Überlieferung unserer Kulturgeschichte des Bauens.
Schwarz oder weiß?! Hier werden Zusammenhänge sichtbar, die verborgen waren hinter Gewohnheit und Angst, welche die Autoren ganz klar nicht haben. Nun sind wir dran, zumindest mit dem Lesen. Be. K.
Andrew Santa Lucia, Daniel Jonas Roche, Antifascist Architecture. Park Books, Zürich 2026, 256 S., 92 Farbabb.
38 €, ISBN 978-3-03860-406-8
