Alles Lehm oder was? Tradition und Potenzial
Nun muss ich es als glückliche Koinzidenz bezeichnen, dass ein Heftthema exakt zu einer Publikation passt, die aktuell im Züricher Triest Verlag erschienen ist und deren Rezension möglich, deren inhaltliches Ausbaggern an dieser Stelle aber viel ergiebiger ist. „Pisé – Hybridkonstruktionen“ ist ihr Titel, herausgegeben von Roger Boltshauser u. a., eine umfassende Publikation zum Bauen mit (Stampf-)Lehm, die viel mehr bietet, als die Darstellung einiger (weniger) herausragender realisierter Lehm-/Hybrid-Projekte. Schauen wir hinein:
Unser Baumaterial bestimmt, in Anlehnung an ein auf ein Bonmot verkürztes Marx-Zitat, unser Bewusstsein. Auftraggeber, Bauherrinnen und Planer denken beim Bauen meist zuerst an das Material, mit dem ein Haus zu realisieren wäre. Beton beispielsweise steht für Unnachgiebigkeit (konträr zu seiner wunderbaren Formbarkeit), schnell sind die „Betonköpfe“ oder das „Zementieren“ vor Augen. Holz ist immer noch, trotz aller Hochtechnisierung, ein Ökoprodukt, geeignet so gerade noch für den Einfamilienhausbau, mit Gründach und Grauwasserzisterne: Als „Holzwürmer“ werden Planerinnen in diesem Materialfeld häufig verunglimpft. Stahl hat seinen Platz im Ingenieurbau, hier schwingt (!) immer auch das Komplizierte, Kostspielige und die Erinnerung zahlloser Experimentbauten mit, die mit Louis Sullivans Wainwright Building (St. Louis/USA) eine nur kurze Best-Practice-Zeit hatten. Und: Stahl rostet!
Mauersteine, natürliche, gelten als Ausdruck von Tradition und Beständigkeit, Ewigkeit, wie es manche Ideologen für das Bauen forderten, dann aber das Massive als dünne Haut über eine gemauerte Konstruktion zogen. Mauersteine, künstliche, stehen bis heute für Solidität, die all denen geboten wird, die sich den „echten“ Stein nicht leisten können. Wer in einem Haus aus Kalksandstein oder Poren-, Leicht- oder Normalbetonstein wohnt, hat es geschafft, er oder sie sind angekommen in der Welt … Ja, in welcher Welt?
Klarer, in welcher Welt man lebt, ist dann möglicherweise ein Haus aus Lehm. Stampflehm, gepresste Lehmsteine, Decken- und Wandelemente, hybrid gefügte Elemente, klimatechnisch aktivierte Putze ... Lehm, so scheint es, ist das neue Holz.
Lehm, das neue Holz
War vor Jahren, vielleicht gar schon seit der Jahrtausendwende, Holz als das Material gefeiert worden, das uns allen eine lebenswerte Zukunft ermöglicht – insbesondere in Abgrenzung zu allen zementbasierten Materialien – so haben Wissenschaftler und natürlich Lobbyisten herausgefunden: So einfach ist das nicht mit dem „Alles nur noch in Holz“. Insbesondere der Architekt Werner Sobek hat in seinem sehr grundsätzlich angelegten, dreibändigen Werk „non nobis“ nachvollziehbar dargelegt, dass der Verbrauch von Holz für die Baubranche nicht unbedingt die Lösung unseres voranschreitenden Klimaproblems mit Potenzial zur Katastrophe ist. Dass er seiner Analyse der Holzproblematik hier deutlich mehr Raum eingeräumt hat als allen anderen Materialien, deutet auf seine Sicht des aktuell durchaus kontrovers, wie nicht selten auch politisch motiviert geführten Diskurses; wobei Letzteres nicht zu verachten, sondern auch für andere Baubranchenfelder wünschenswert wäre.
Nun scheint die Holz-rettet-uns-Welle abgeflacht, nichtsdestotrotz wird deutlich mehr mit Holz gebaut (vor allem modular, im Wohnungsbau, wo Holz das Bauen mit mineralischen Stoffen bremst). Den leichten Gegenwind, der auch von kritischen Teilen der Architektenschaft getragen wird, nutzen nun andere Nischenprodukte wie Stroh, Flachs oder Lehm (meist hängen alle drei auch zusammen). Das neue Holz scheint Lehm zu sein und bei diesem Produkt ist die Anlehnung an das Marx-Zitat am offensichtlichsten ergiebig: Lehmbauer und Bauherren, die mit Lehm bauen, sind (immer noch) Freaks. Keine Öko-Spinner, eher Propheten einer Bauart, die für ideal gilt in vielen Bereichen des Hochbaus. Dass diese überschaubare Gruppe, die aber schnell wächst, dank renommierter Auftraggeber und wunderbarer Referenzbauten sowie internationaler Planerbüros, dem wachsenden Markt nicht hinterherkommt, zeigte die Suche des Wuppertaler Architekturbüros ACMS nach Lehmbauern in Deutschland für ihr Architekturprojekt in Detmold (Eingangsbauten Freilichtmuseum). ACMS fand kein ausführendes Unternehmen im Land und musste auf das Österreicher Unternehmen „Lehm Ton Erde“ in Schlins zugehen. Wäre das heute, ein paar Jahre später, anders?
Wir können nicht 100-mal den Martin Rauch bringen
Anders ist vielleicht, dass langsam mehr Klarheit in das Bauen mit diesem erdigen Material kommt. Es gab zwar schon viele, sehr viele Publikationen zum Bauen mit Lehm, meist waren diese jedoch auf Einzelprojekte fokussiert. Die Arbeit, auf die ich mich nun beziehe, ist grundsätzlicher und knappe 500 Seiten dick (Pisé – Hybridkonstruktionen. Tradition und Potenzial. Triest Verlag, Zürich 2026, 98 €). Herausgegeben von dem Architekten und Lehrer Roger Boltshauser, der im DBZ, der Podcast, Nr. 112 (Lehm als Baustoff) auf die Frage, ob er denn für eine Sache (den Lehmbau) messianisch brennt, antwortete: „Ja, das würde ich schon sagen.“ Längst hat sein frühes Interesse für das Material, das er zunächst als plastisch formbares für seine künstlerischen Experimente nutzte, für sein Bauen entdeckt und weiterentwickelt. Das Arbeiten mit Lehm heute ist ihm „Brücke und die Möglichkeit“, einerseits den Kontakt zum Künstlerischen zu halten und andererseits die Architektur ständig weiterzuentwickeln; auch technisch.
Lehmbau-Bibel
Um aus dem engen Zirkel der Lehmbauer auszubrechen und das Material in Breite zu etablieren, müsse man die Industrie gewinnen, denn man könne nicht „100-mal den Martin Rauch bringen“. So wisse die Ziegelindustrie „ganz genau, dass sie in Zukunft ein Problem haben werden, weil sie zu viel Energie brauchen. Manche Ziegeleien machen jetzt schon mit uns auch Stampflehm-Elemente, die kooperieren mit uns. Ich glaube, das ist der Weg: Wir sollten eine umfangreiche Lehmproduktpalette entwickeln.“
Die großformatige Stampflehmbau-Bibel thematisiert ihren Protagonisten umfassend mit Themen wie Integration neuer Materialien und Konstruktionen in das Stadt- und Ortsbild, Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, Kostensenken durch Vorfertigung, Zugkraft vs. Druckkraft, Lowtech, Instandhaltung und Rückbau, aber auch – und das ist bei diesem Thema wesentlich – die Geschichte des bei uns bis heute als „ärmlich“ geltenden Baustoffs, der zu den ältesten der Menschheit gehört.
Dass der Lehm als Material in allen seinen Facettten – physikalisch, chemisch, bauphysikalisch etc. – untersucht und vorgestellt wird, dass er in den unterschiedlichsten Anwendungen gezeigt und bewertet wird, das macht die Arbeit einerseits wertvoll für die Baupraxis, andererseits auch für die Beantwortung der Frage, wie wir in Zukunft bauen wollen. Dass diese Zukunft nicht der reine Lehmbau sein wird, dürfte klar sein, der Holzbau hat hier bereits entsprechendes Lehrgeld gezahlt, Ob und in welchem (Material-)Verbund Lehm, als vorgeformt oder gegossen, geworfen, gestampft (Pisé), verwendet wird, das ist noch nicht entschieden. Wahrscheinlich ist: In jeder Art und Weise und vielleicht sogar ganz anders.
Das Buch enthält einen kommentierten Auszug aus einem frühen Werk zum Stampflehmbau von Francois Cointeaux (auf Deutsch 1803 erschienen) sowie ausgewählte Literatur. Ein (kommentiertes) Glossar wäre für eine zweite Auflage hilfreich.
Benedikt Kraft/DBZ
