Nein zum Bibelturm

Bürger entscheiden sich gegen die Erweiterung des Gutenberg-Museums

Mit 18 Punkten wollte das Museum auf seiner Webseite die noch Unentschiedenen überzeugen. Es hat nichts gebracht – weder die Liste, noch das Video. Die Mehrheit der stimmberechtigten Mainzer Bürger und Bürgerinnen haben sich in einem Entscheid gegen die Erweiterung des Gutenberg-Museums in Mainz ausgesprochen. 77,3 % stimmten mit Nein.

Das Unverständnis auf Seiten der Stiftung ist groß. „Aus Sicht der Stiftung“, so ihr Vorsitzender Andreas Barner, „ist eine große Chance vertan worden. Seit langer Zeit gab es das erste Mal ein schlüssiges Konzept, das dem Gutenberg-Museum erlaubt hätte, dem Anspruch ‚Weltmuseum der Druckkunst‘ zu sein gerecht zu werden. Diese Umsetzung und Weiterentwicklung des Museums ist nun auf absehbare Zeit unmöglich geworden und somit ist der Schaden für das Museum aber auch die Stadt Mainz leider groß.“

Die Stiftung sieht sich nun in der Pflicht einen konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten zu führen, um ein zukunftsfähiges Konzept zu erörtern. In der Pressemitteilung heißt es außerdem: „Die Gutenberg Stiftung ist nach wie vor davon überzeugt, dass nur ein von Stadt, Land, Bund und Mainzer Bürgerinnen und Bürgern getragenes Museum diesem eine adäquate Zukunft garantieren kann.“ Man wird sehen. Der „Bibelturm“ wird nun nicht gebaut. S.C.

Der Kommentar von DFZ Architekten zu dem Entscheid: „Bei derartigen selten durchgeführten Bürgerentscheiden besteht in Deutschland immer die Gefahr, dass nicht ausschließlich über den eigentlichen Inhalt entschieden wird, sondern dass diese einzigartige Gelegenheit als Abrechnung mit den vermeintlichen Verfehlungen der Politik und Verwaltung in der Vergangenheit genutzt wird. Es ist davon auszugehen, dass unsere Elbphilharmonie niemals realisiert worden wäre, wenn es einen solchen Bürgerentscheid gegeben hätte, schon alleine aufgrund der Kostenexplosion. Nun hat sich ein großer Erfolg eingestellt und alle sind froh darüber. Wir sind sehr frustriert von der jetzigen Situation, da wir das Projekt mit größter Leidenschaft bearbeitet haben und der Überzeugung sind, dass der Entwurf die richtige architektonische Antwort auf die Situation vor Ort ist. Wir haben uns in den letzten Jahren ein genaues Bild der Situation vor Ort machen können und uns klarmachen können, was den Mainzern am Herzen liegt. Dementsprechend haben wir mit unserer Planung darauf reagiert und passende Lösungen erarbeitet. Wir sind enttäuscht, dass das Vertrauen gegenüber den Fachleuten nicht ausreichte. Der Entwurf ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, in den zahlreiche Fachleute eingebunden waren. Dies wurde mit dem jetzigen Entscheid ad absurdum geführt.
Wir sind verärgert über die politischen Entscheidungsträger, die einen Entscheid – der noch dazu viel Geld gekostet hat – erst zu diesem zu späten Zeitpunkt ermöglicht haben. Die Politik stand nicht zu ihrer bereits getroffenen Entscheidung und ist mit der Tatsache, einen Bürgerentscheid durchzuführen nicht ihrer Pflicht als Volksvertreter nachgekommen.
Bei grundsätzlichen strukturellen Entscheidungen sind Bürgerentscheide unter Umständen angebracht, bei architektonischen Gestaltungsfragen sollte man davon absehen und dies den Fachleuten überlassen. Diskussionen über Architektur sind grundsätzlich positiv. In diesem Falle aber war sehr ärgerlich, dass mit falschen Fakten Stimmung und Meinungen gemacht wurden. Die Art und Weise war z.T. unterhalb der Gürtellinie. Ein neues und übergeordnetes Problem ist die Meinungsbildung und -Beeinflussung über die modernen Medien, bei denen richtig schwer von falsch unterschieden werden kann.
Dieses Thema wird in Zukunft mehr und mehr auf die Städte und ihre Architekten zukommen. Wichtig ist leider – wie es bereits schon in Teilen jetzt schon z.B. bei uns im Hamburg geschieht – die Bürger im Vorfeld formal in den Prozess zu integrieren.  Dabei kann es aber nur um Einflussnahme in grundsätzliche Entscheidungsprozesse gehen. Die Fachleute (Politik, Stadtplanung, Architekten) dürfen sich aber nicht an ein geschmäcklerisches Gängelband nehmen lassen und sich Gestaltung diktieren lassen.
Verwundert waren wir zudem darüber, dass einige Kollegen die Entscheidungen einer hochrangigen Jury nicht akzeptieren konnten und unseren Entwurf stark kritisierten und sogar auch mit Gegenentwürfen - z.T. in peinlich historisierender Form - reagiert haben. Unabhängig von unseren eigenen Interessen besteht nun Gefahr, dass über Jahre eine notwendige Entwicklung und Erneuerung des Gutenberg Museums gestoppt wird. Es ist beschämend für Mainz, dass dies im sogenannten Gutenbergjahr passiert.“

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