Über die Würde des Mauerwerks

Königs Architekten, Köln

Das Schichten und Fügen von Steinen zu einer Mauer ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschen und ist deswegen mit dem Bauen und mit der Architektur untrennbar verbunden. In verschiedenen Epochen und Regionen hat das Mauerwerk eigenständige Prägungen und Techniken des Bauens hervorgebracht, die in unserem Kulturverständnis fest verankert sind. Neben herausragenden Zeugnissen der Baugeschichte in Form von Repräsentations- und Kultbauten hat insbesondere die Entwicklung der Stadt(baugeschichte) in der Gründerzeit maßgeblich zu unserer heutigen Wahrnehmung und Wertschätzung von Mauerwerk beigetragen. Die Ziegelwände der Gründerzeitbauten und die damit einhergehende Normierung der Produktion (Reichsformat 1872) prägen unser Stadtbild bis heute. Damit wurde der Ziegelverband mit seinen Vorsprungs- und Öffnungsmaßen zum Synonym des Mauerwerks.

So prägend und vielfältig das Mauerwerk in der rückblickenden Betrachtung der Baukultur auch sein mag, so anachronistisch erscheint es im Baugeschehen im 21. Jahrhundert: Geometrisch ein­geschränkt, konstruktiv und bauphysikalisch durch den Gesetzgeber limitiert und mit einem relativ hohen Zeit- und Arbeitsaufwand bei der Erstellung, scheint das Mauerwerk ins Hintertreffen geraten zu sein gegenüber anderen Konstruktionsarten wie Stahlbeton, Trockenbau, Stahl- oder Holzbau. Das Mauerwerk verschwindet bei Neubauten folgerichtig hinter anderen Schichten, wird durch andere Materialien ersetzt oder kommt nur noch als „Referenz“ in Form von vorgehängten Fassaden zum Einsatz. Moderne Mauerwerke aus Planziegeln ohne Mörtelfuge haben längst das erst 1952 eingeführte oktametrische System des Normalformates verlassen und führen eine produktinterne Maßsystemlogik ein.

Wie kann es sein, dass ein zeitgemäßes Massivmauerwerk nur noch aus millimeterdünnen Ziegelwandungen besteht, die aufgeblähte, silikonimprägnierte Perlitkugeln zusammenhalten? Wie konnte es passieren, dass Mauerwerk, obwohl es hohe Lasten abtragen kann, inzwischen an Edelstahlkonsolen in der Luft hängt und mit Silikonfugen getrennt werden muss? Warum muss die Oberfläche eines „modernen“ Klinkers mit verschiedensten Techniken geschminkt werden, damit eine – ehemals handwerklich bedingte – Vielfalt simuliert werden kann? Warum darf man aus einem Material mit hervorragenden thermischen Eigenschaften nicht mehr eine simple Wand errichten, die ein angemessenes Wohn- oder Arbeitsklima schafft?

Selbstverständlich kennen wir die Antworten auf alle diese Fragen, aber sie verdeutlichen das Dilemma des Mauerwerks: Nachdem dem Jahrhunderte alten Konstruktions- und Materialprinzip Mauerwerk jegliche Sinnhaftigkeit und Würde geraubt wurde, verbleibt ein Produkt, was nur noch wenig leisten darf und damit verzichtbar erscheint. Das Mauerwerk als ehemaliges Alltagsprodukt, mit dem ganze Städte errichtet wurden und welches gleichermaßen deren
Repräsentationsbauten ermöglichte, scheint heute baukulturell verlorengegangen.

Es geht weder um Naivität und erst recht nicht um Sentimentalität, aber möglicherweise wird dem Mauerwerk eines Tages wieder seine Würde zurückgegeben. In der komplexen Einfachheit einer Mauerwerkswand, die Lasten abträgt, die vor Wind und Wetter schützt, die mehrfach wieder verwendbar ist und die handwerkliche Spuren als Gestaltungsmerkmale enthält, läge ein Mehrwert, der dem Gesellschaftsbild von morgen gut zu Gesicht stünde. Bis dahin ist es aber noch ein Stück Wegstrecke für die Architekten, die Bauindustrie und den Gesetzgeber.