Zuversicht vermitteln, dass man die Welt verändern kann

Im Gespräch mit Werner Durth, Darmstadt

Am 29. November 2017 hält Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Werner Durth, Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur, seine Abschiedsvorlesung an der Technischen Universität Darmstadt. Damit verabschiedet sich einer der profiliertesten deutschen Architekturhistoriker aus der Hochschulwelt. Ob er ab diesem Zeitpunkt Rosen züchtet oder mehr als sonst schon Fahrrad fährt? Kann sein. Als Autor, als konstanter Begleiter und kluger Kommentator im Architekturdiskurs wird er uns aber erhalten bleiben.

Wie fühlen Sie sich, lieber Werner Durth, kurz vor dem Abschied von der Uni? Sind da Lachen und  Weinen?

Werner Durth: Ja, sicherlich beides. Ich freue mich darauf, nicht mehr täglich von diesem engen Zeittakt eingeschnürt zu sein. Bis vor kurzem waren da immer noch Sprechstunden, Lehrveranstaltungen, die vielen Sitzungen, die sich seit dem Beginn des Bologna-Prozesses dramatisch vermehrt haben, oft mit quälenden Debatten über die Verregelung und Verkürzung des Studiums.

Andererseits war meine Lehrtätigkeit für mich immer ein Lustgewinn im Umgang mit den Studierenden, weil sich gerade durch die Regelmäßigkeit der Begegnungen eine große Intensität wechselseitiger Lernprozesse entfalten konnte. Das werde ich vermissen.

Sie haben Architektur und Städtebau studiert und dann Philosophie und Soziologie hinzugenommen. War das eine Art von Umschwenken in der Ausbildung?

Nein, überhaupt nicht! Für mich war das damals eine notwendige Ergänzung zum Studium der Architektur und Stadtplanung. Als ich im Herbst 1967 hier in Darmstadt mein Studium aufnahm, war der Geist Ernst Neuferts, der seit 1945 die Fakultät geprägt hatte, noch allgegenwärtig. Die Entwurfslehre bewegte sich stark in Normen und Regeln und ging ganz selbstverständlich vom Neubau aus, von einem gradlinigen Fortschrittsdenken, in dem das Neueste immer auch das Beste war. Selbst der Begriff der Sanierung war im damaligen Sprachgebrauch stets mit Abbruch verbunden.

Doch schon 1966 hatte es die ersten Proteste gegen Spekulation und den Abbruch gut erhaltener Wohnhäuser im Frankfurter Westend gegeben, die sich in den folgenden Konflikten bis zum Häuserkampf steigerten. Dabei wurde das Selbstverständnis der Architekten als kreative Schöpfer, die mit ihren Ideen die Neuerungsmaschinerie vorantreiben ohne die Bedingungen und Folgen ihrer Tätigkeit reflektieren zu müssen, radikal infrage gestellt. Das führte uns Studenten zu der Frage, für welche Zukunft wir uns denn selber qualifizieren, an welchen Themen wir arbeiten, welche Lebensentwürfe wir realisieren wollten. Erleichtert wurde uns die Suche nach Antworten durch den Wechsel der Generationen unter den Professoren. Max Bächer und Günter Behnisch wurden berufen, wenig später Thomas Sieverts. Jetzt konnten wir – zwar betreut – unsere eigenen Themen suchen und klären.

Nur Häuser bauen? Hatten Sie deshalb Architektur studiert?

Nein, mich interessierten mehr die Bedingungen, unter denen Architektur entsteht – und was sie bewirken kann. Mein Zukunftshorizont war damals völlig offen – und ist es heute hoffentlich immer noch.

Ist diese Offenheit für die Studierenden heute noch möglich?

Ja, durchaus, aber die Bereitschaft zur Offenheit muss gefördert werden. Und das geht nur durch persönliche Zuwendung der Lehrenden, die zunehmend schwieriger wird. Als ich anfing mit dem Studium, wurden für einen ganzen Jahrgang 60 Studierende aufgenommen. Davon blieben im Laufe der Semester rund 40 übrig. Diese niedrige Zahl, aber auch die pädagogische Ethik der Professoren und die Verbindlichkeit im Umgang miteinander machten es möglich, auf die individuelle Entwicklung der Fähigkeiten jedes einzelnen einzugehen. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Empathie, die ich damals erlebt habe, auch heute noch möglich ist.

Andererseits haben sich die Formen und Medien der Kommunikation grundlegend verändert. Über das Internet wird eine unvorstellbare Fülle von Wissen zugänglich, ausgetauscht und ständig aktualisiert: Darin liegt eine große Chance zur Erweiterung des Horizonts in dieser Zeit der Globalisierung. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass das Fließende, das Spontane und Improvisierende beim Verfertigen der Gedanken im Sprechen, in der persönlichen Begegnung und der Diskussion in der Gruppe verlorengeht.

Welches Thema ist gerade im Zentrum des Diskurses?

Da gibt es zurzeit einige zentrale Themen, die sich mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbinden. Endlich wird wieder darüber diskutiert, welche Lebensentwürfe sich durch neue Wohnformen jenseits der üblichen Behausung von Kleinfamilien verwirklichen lassen. Wir sprechen über Probleme der Integration und Segregation, darüber, welche Qualitäten öffentliche Räume haben und welche sie haben könnten. Hier geht es weniger um deren aufwändige Gestaltung, sondern eher um die Frage, welche Möglichkeiten gemeinschaftlicher Aneignung, welche Potenziale zur Entfaltung gelebter Urbanität die öffentlichen Räume bieten. Die Erkundungen und temporären Experimente dazu werden aktuell gefährdet durch das Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit vor dem Hintergrund terroristischer Bedrohung. Umso wichtiger sind die Debatten um die Zukunft der Städte aus globaler Sicht.

Wie wichtig ist ein historisches Bewusstsein in der Ausbildung von planenden Architekten?

Die Antwort ergibt sich aus dem zuvor Gesagten: Der verantwortliche Umgang mit dem Bestand erfordert genaue Kenntnis seiner Qualitäten und Potenziale, die nur im Rückblick auf die Entstehungsbedingungen zu erschließen sind. Die Studierenden sollten sehr früh lernen, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen einer besseren Zukunft vor diesem Hintergrund zu betrachten, um fragen und bewerten zu können, was für sie noch relevant ist von den Ideen der Vorgängergenerationen oder was aus gutem Grund vielleicht nicht.

Dazu muss man wissen, wovon man sich trennen möchte.

Genau das meine ich ja! Wir müssen die Studierenden in die Lage versetzen, dass sie verstehen, unterscheiden und dann entscheiden können, was hinderlich, vielleicht auch falsch ist und was möglicherweise zukunftsweisend bedeutsam bleibt. Sie sollten verstehen können, an welchen Lebensentwürfen und Zukunftserwartungen sich damals manche der heute oft pauschal als Irrtum verurteilten Planungen orientiert haben, deren Ergebnisse bisweilen aus purer Ignoranz zum Abbruch freigegeben werden.

Die Schlossrekonstruktion in Berlin, ein Symbol für Ratlosigkeit?

Ja, das neue Schloss ist für mich ein deutliches Zeichen kultureller Kapitulation durch Rückzug auf Reproduktion. Die Behauptung, dass gegenwärtig eine den Schlossbaumeistern vergleichbare kulturelle Leistung von Architekten unserer Zeit nicht zu erwarten sei, ist zutiefst ahistorisch und bedeutet in meiner Sicht eine beschämende Entmutigung auch der nächsten Generation. Mit der Botschaft:
Besser als die Alten könnt ihr´s doch auch nicht!

Besitzen Sie eine Art von Sendungsbewusstsein?

Ein Pädagoge ohne Sendungsbewusstsein sollte kein Lehrer sein. Ein Studium erfordert Ermutigung, wenn es gelingen soll. Ich wollte den Studierenden stets auch die Zuversicht vermitteln, dass sie mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen die Welt verändern können, wenn sie glaubwürdig ihre Kompetenz und Leidenschaft leben.

Was ist mit den Vorbildern? Brauchen wir sie noch, die Heroen?

Ich glaube nicht. Oder anders: Die Heroen sind längst dem beschleunigten Wertewandel geopfert worden. Und es ist vielleicht auch gut, dass es nicht mehr die Stabilität unangefochtener Vorbilder gibt, an denen wir uns als Studenten anfangs noch orientiert haben. Aber es gibt noch immer die langen Wellen geistiger Kontinuität und gültige Prinzipien, die sich in vorbildlichen Projekten verwirklicht und Maßstäbe gesetzt haben.

Was sind Ihre Planungen für den Ruhestand? Ruhe erstmal?

Zeitautonomie ist das höchste Gut. Reisen ohne Programm und wieder mehr Zeichnen, das gehört dazu. Und vor allem Schreiben. Aber jetzt anders, nicht nur im wissenschaftlichen Rahmen. Etwa über Begegnungen mit Menschen, die mir als Zeitzeugen unserer Geschichte einen beglückenden Reichtum an Erfahrungen vermittelt haben.

In Romanform?

Könnte sein, aber daran habe ich noch nicht gedacht: Vielleicht ein Schlüsselroman über den Wechsel der Generationen, der Konflikte, Leitbilder und Wertorientierungen im Planen und Bauen, ohne dass man die Personen erkennt, aber beim Lesen von Ahnungen und Erkenntnissen geleitet wird? Eine schöne Idee.

Mit Werner Durth unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 15. September 2017 am Fachbereich in Darmstadt. Sein Büro mit Ausblick liegt oben im 4. OG des 1960er-Jahre-Baus, der von jungen Architekten des Hochschulbauamtes – aus Studienerfahrungen und erlebten Defiziten heraus – für die nächsten Studentengenerationen entworfen wurde.

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