„Weniger ist Zukunft!“
Prof. Dipl.-Ing. Thomas Auer
zum Thema „Nachhaltigkeit“

Als Beitrag zur Minimierung der globalen Klimaerwärmung hat sich die europäisch Union hinsichtlich einer Reduzierung der CO2-Emissionen ambitionierte Ziele gesetzt. Demnach sollen bis 2050 die CO2-Emissionen aus dem Gebäudesektor gegenüber 1990 um 90 % reduziert werden. Dazu haben wir noch 40 Jahre Zeit, was nach sehr viel Zeit klingt, jedoch für die meisten Gebäude lediglich einen einzigen Sanierungszyklus bedeutet.

Für die rigorosen Sparziele wurde mit der Energieeinsparverordnung (EnEV) ein Werkzeug geschaffen, das in regelmäßigen Abständen leistungsfähiger gemacht wird. Obwohl die EnEV sowohl den Energiebedarf als auch die Versorgung betrachtet geht ihre Verschärfung in Richtung Passivhausstandard mit einer Prise regenerativer Energiegewinnung; was logisch erscheint. Die EnEV gilt seit nunmehr über 10 Jahren, eine erste Bilanz ist möglich. Schnell zeigen sich Fortschritte hinsichtlich einer Verminderung des Primärenergiebedarfs je m², außerdem wurde in vielen Ballungszentren die Fernwärmeversorgung mit geringen Primärenergiekennzahlen ausgebaut. Schaut man jedoch auf die CO2-Emissionen des gesamten Gebäudesektors sind die Fortschritte marginal und werden durch unterschiedliche Bummerangeffekte quasi kompensiert wie z. B.:

– Die Sanierungsquote liegt unter 1 % und müsste für die Erreichung der Ziele ca. 3 mal größer sein,

– der demographische Wandel und Wohlstand führen zu einem

Anstieg der Fläche pro Person und damit zu mehr Gebäuden,

– viele Ballungszentren sind nicht in der Lage, genügend Wohnraum zu schaffen mit der Konsequenz einer Gentrifizierung kombiniert mit einer steigenden Zahl von Pendlern,

– die Kosten einer energetischen Sanierung führen teilweise zu

sozialen Verwerfungen.

Hinzu kommen weiche Faktoren wie baukulturelle, ästhetische und haptische Aspekte sowie eine geringe Nutzerakzeptanz für mechanisch gelüftete „Thermoskannen“. Derzeit scheint es nur ein Modell zu geben: Dämmung + Technik; das ist nicht ausreichend!

Architektur hat immer von einer Vielfalt gelebt, genauso braucht es bei der notwendigen energetischen Sanierung mehr Vielfalt. Gleichzeitig ist das permanente Klagen von Teilen der Bauschaffenden nicht zielführend, und die Physik in Frage zu stellen, ist ganz und gar töricht. Vielmehr sollte mehr kreative Energie für die Entwicklung von alternativen Modellen eingesetzt werden. Hierfür gibt es zahlreiche Ansätze:

– Neue Wohnmodelle (Grundrisstypologien), die dem demographischen Wandel Rechnung tragen,
– Haus-in-Haus-Lösungen mit thermischen Pufferzonen, die als „Nichtprogrammflächen“ Raum für Begegnung schaffen,
– Lastmanagement (schließlich gibt es zunehmend Zeiten mit einem Überschuss an Energie),
– Optimierung von so genannten LowEx – Niedrigexergie – Modellen (Abwärmenutzung, Energieverschiebung zw. Gebäuden, etc.),
– Optimierung von passiven Systemen wie Tageslichtnutzung (ca. die Hälfte des Strombedarfs für Kunstlicht wird tags benötigt), geregelte natürliche Lüftung (geringe Nutzerakzeptanz für maschinelle Lüftung führt zu offenen Fenstern + Strombedarf für Lüftung), passive Solarenergienutzung (Nutzung solarer Energie ohne Umwandlungsverluste), etc.,
– Modelle für eine qualitätvolle Nachverdichtung der Metropolen, wobei sich hierfür vor allem der suburbane Raum eignet (Stichwort: Urbanität durch Dichte), kombiniert mit einer Entwicklung hin zur polyzentrischen Stadt.

Alle diese Ansätze nehmen Einfluss auf die Architektur. Es wird höchste Zeit, dass über die Architektur und Städtebau im Sinne der Vielfalt alternative Modelle entwickelt werden. Vor allem müssen wir erkennen, dass es nicht nur eine Antwort geben kann für ein derart komplexes System. Nur mit Technik wird man das Ziel nicht erreichen, vielmehr müssen Fragen wie Suffizienz und Lifestyle ebenfalls betrachtet werden. Nachhaltigkeit wird kein Verkaufsschlager wenn sie nur über Verzicht erreicht werden soll. Es ist eine große Chance für Architektur und Städtebau, Modelle zu entwickeln mit einem Mehr an Lebensqualität und einem Weniger an Ressourcenbedarf.

Der Ingenieur

1994 Diplom im Fachbereich Verfahrens­technik an der Uni Stuttgart, seit 2000 Gesellschafter und Prokurist/Transsolar Energietechnik GmbH, seit 2001 Gesellschafter/ Transplan Technik-Bauplanung GmbH. 2001-2007 Geschäftsführer/ Transplan Technik-Bauplanung GmbH und seit 2006 Geschäftsführer der Firma Transsolar Energietechnik GmbH. Professur an der TU München seit Anfang 2014. Seit 2001 Lehraufträge weltweit. Publikationen zu Klima, Fassade, Nachhaltigkeit etc.
www.ar.tum.de, www.transsolar.com

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