Viva Las Vegas

Marni Store, The Crystals, Las Vegas/USA

Sybarite Architekten entwarfen für das Modelabel Marni einen Flagshipstore, der Schwung in die Gerade bringt – und das durch Maßanfertigung.

Luxus funktioniert auch in Zeiten der Krise. Das zeigt sich in Las Vegas. Doch in der Stadt, die eher durch ihre dekorierten Schuppen bekannt ist, gewinnt zeitgemäße Architektur zunehmend an Bedeutung.

Auf über 1,5 Mio. Quadratmetern vereinigen sich seit Ende letzten Jahres Kunst, Entertainment und Kommerz zu einem neuen Weltwun­der am Strip der Illusionen, dem bescheiden betitelten CityCenter. Aber die Bescheidenheit täuscht. Mit einem Volumen von 8,5 Milliarden Dollar ist das CityCenter das bislang größte private Bauprojekt in der Geschichte der USA. Sechs goldene LEED-Auszeichnungen beweisen, dass bei allem Prunk auch das Thema Nachhaltigkeit in die Wüste Einzug gehalten hat. Neben Casinos, Hotels, Wohnungen und Museen bildet der Shopping-Komplex The Crystals, den Architekt Daniel Libeskind entwarf, das Zentrum des Zentrums.

Branding ja, Kopie nein

Marnis Flagshipstore in Las Vegas ist nicht der erste des Labels. Es ist auch nicht der erste der Sybarite Architekten. Und vor allem ist es nicht der erste gemeinsame. Nach Projekten unter anderem in New York, London und Tokyo übernahmen Sybarite auch in Las Vegas das Shopdesign des italienischen Modelabels.

Leitsatz der Marke ist, dass keine zwei Shops gleich sein sollen. Jeder soll die Kultur und Persönlichkeit der Stadt widerspiegeln, in der er sich befindet: „Marni Sloane Street in London ist farbenfroh, energiegeladen und bombastisch, Marni Aoyama in Tokyo ist minimalistisch und zen-ähnlich; Marni Miami ist hell und luftig mit Art Deko-Elementen, für die die Stadt berühmt ist. Trotzdem sind alle Shops als Marni zu erkennen – anspruchsvoll, verspielt, ungewöhnlich und etwas exzentrisch“ erklären die Architekten das Designkonzept der von Ihnen entworfenen Flagshipstores.

Für Sybarite bedeutet dies eine immense Gestaltungsfreiheit, die eigentliche Herausforderung im Design ist jedoch die Vereinigung von Individualität und wieder erkennbarer Architektursprache.


Cowboy-Inspiration

Inspiriert durch das Erbe des Wilden Westens fanden Sybarite ihre Inspiration für Marnis Flagshipstore Las Vegas im Bild eines Lassos. Dieses wird in den Raum geworfen und kristallisiert mitten im Flug zu scheinbar endlosen, geschwungenen Linien. „Wir wollten Bewegung, Fluidität und Dynamik erzeugen und das Bild eines geworfenen Lassos verursacht dieses Gefühl.“ erklären die Architekten. Mit ihrer Bewegung definieren die Edelstahlbänder die Grenzen des Raumes und erstarren zu Kleiderstangen. Auf der einen Seite sind sie befestigt am Kassentresen, am anderen Ende entsteht eine flüssig anmutende Skulptur, in der die Schuhkollektion präsentiert wird.

Die hellgrauen Wände verhalten sich analog zu den Edelstahlbändern, bilden Kurven und verleihen dem ganzen Raum noch mehr Dynamik. In die Wandkonstruktion integrieren die Architekten Fächer, in denen die Accessoires präsentiert werden. Ein Relief aus konvexen und konkaven Kugeln unterbricht die Wandfläche und soll mit einem Spiel aus Licht und Schatten den Wert der präsentierten Waren unterstreichen. In anderen Bereichen finden sich hinterleuchtete Glasfaserboxen, die größere Accessoires strahlen lassen. Hinter den Wandverkleidungen ergeben sich Flächen für Umkleidebereiche und Büro. Die L-Form des Grundrisses begünstigte auf natürliche Weise die Unterbringung des Lagers im hinteren Bereich.

Material und Licht

Weiße, weiche Hocker auf grauen Wollteppichen bieten Sitzgelegenheiten für gestresste männliche Shoppingopfer, die auf anprobierende Gattinnen warten müssen. An der Decke wiederholen riesige Lichtscheiben das Motiv der ­Kugel, beziehungsweise des Kreises. Die textilen Spanndecken erzeugen ein diffuses, warmes Licht, das nur geringe Schatten wirft und den Einkauf durch eine schmeichelhafte Beleuchtung begünstigen soll. Der ganzen Dynamik des Raumes setzen die Architekten einen puristischen polierten Betonboden gegenüber, der als Hintergrund dienen soll, das Licht von der Decke reflektiert und so den Raum zum Strahlen bringt.

Alle Einbauten sind maßgefertigt und nicht von der Stange, die Schaufensterpuppen machen da keine Ausnahme. Das Konzept mit dem Einsatz hochwertiger Spezialanfertigung funktioniert umso besser, da die gesamte Einrichtung von nur einer Firma, umgesetzt wird. Damit erscheint die Innenarchitektur trotz der unterschiedlichen Elemente wie aus einem Guss und die wiederkehrenden Elemente des Marni-Brandings - wie die raumgreifenden Kleiderstangen - können speziell auf die Entwurfsidee Lasso zugeschnitten werden.
Die Erscheinung des Marni Store nach außen ist zurückhaltend. Durch eine schlichte Glasfassade, vorbei an einigen hängenden Schau­fensterpuppen, fällt der Blick ungehindert ins Innere. Doch die Schlicht­heit ist Absicht: So rückt die Kollektion des Labels ins Rampenlicht und zieht die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden auf sich.
In Las Vegas ist schließlich das ganze Leben eine Show und hier liegt der Wilde Westen nur einen Lassowurf von Italien entfernt. SG

Baudaten

Objekt: Marni Boutique
Standort: The Chrystals, Las Vegas/USA
Architekt: Sybarite, London
Projektteam:
Simon Mitchell, Torquil McIntosh, Giorgia Cannici
Beteiligte Architekten:
Creative Design Architecture, Rami Atout, Las Vegas
Bauzeit: 12 Wochen + 45 Tage Vorfabrikation
Materialien:
Sämtliche Möbel, Edelstahlschienen, Glasfaserboxen, Schaufensterpuppen, Teppiche wurden angefertigt von Soozar, Shanghai/CH, Susan Heffernan, Doukee Wang, www.soozar.com

Projektdaten

Nutzfläche: 125 m2
Nebenfläche: 48 m2 (Lager)
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