Viel Licht und Fläche

Haus Wasserkunst, Bremen

„Zurück in die Stadt“ lautete die Devise des Ehepaars Schürmann. Sie haben sich auf einer Halbinsel in der Weser, unweit des Bremer Stadtzentrums, ihren Traum vom Wohnen erfüllt – klassisch gemauert als zweischaliges Mauerwerk mit einem „Häkelmuster“ im Blocksteinverband als Treppenhausfassade.

Zwischen der Weser und der Kleinen Weser liegt die Halbinsel Stadtwerder. Auf dem Gelände der ehemaligen Wasserwerke gegenüber der Bremer Innenstadt entsteht gerade ein neues Wohngebiet, dessen Zentrum der markante, aus Backstein gemauerte Wasserturm bildet und den die Bremer wegen seines Aussehens gerne die „Umgedrehte Kommode“ nennen. Unweit dieses Wahrzeichens aus der Gründerzeit haben sich Gunda und Rainer Schürmann als eine der ersten im neuen Stadtteil ihren Traum vom Wohnen erfüllt. „Wir haben lange in Fischerhude gewohnt“, erzählt Architekt Rainer Schürmann. „Doch eines Tages sagte meine Frau zu mir: Ich zieh nach Bremen.“ Dazu habe er nicht nein sagen können. Statt langer Wege können die beiden nun viel mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigen. Es gibt sogar eine kleine Fähre für Radfahrer und Fußgänger, die über die Weser zur Innenstadt übersetzt.

Konzept: klar und einfach

„Wir haben vieles einfach gemacht“, erklären die Bauherren überzeugt. „Es gibt eine klare Struktur, bei der alle Wände aufeinander stehen. Das bringt Ruhe und trägt dazu bei, Kosten zu sparen. Was wir uns gegönnt haben, ist Fläche und Licht“, betont Rainer Schürmann. Dank der klaren Struktur gibt es keine Stürze und Unterzüge, sodass die Fenster und Türen vom Boden bis unter die Decke reichen. Großzügig fällt das Tageslicht durch geschickt angeordnete Eckfenster und Loggien, die zugleich interessante Ein- und Ausblicke über die Diagonale in die Natur und zwischen den, mittlerweile errichteten, Nachbarbauten ermöglichen. „Ich liebe das Quadrat“, erklärt Gunda Schürmann. Ihr Mann ergänzt schmunzelnd: „Wie sollte ich bei solch einer strengen Vorgabe von meiner Frau entwerfen?“ Entstanden ist ein quadratischer Grundriss von 13 x 13 m im Außenmaß und 12 x 12 m Innenmaßen, die jeweils in 3 x 4 m unterteilt sind. Auf diesem klaren Raster basieren die tragenden Wände. Das Haus hat drei Geschosse. Das Ehepaar bewohnt die beiden oberen Geschosse und vermietet das Erdgeschoss als Büro. Neben den tragenden Wänden wiederholt sich in jedem Geschoss die Lage der Bäder und WCs. Alles ist barrierfrei angelegt. Unter der frei stehenden Wanne im Bad, die später einmal entfernt werden kann, befindet sich schon ein bodengleicher Abfluss. Im Treppenhaus ist bereits der Platz für einen rollstuhlgerechten Lift frei gehalten. Die Grundrisse sind frei einteilbar, sodass man das Haus später auch einmal in drei Wohnungen aufteilen könnte. Im Augenblick nutzt das Ehepaar das 1. OG zum Wohnen, Kochen und Schlafen. Im oberen Geschoss haben sie sich ihre persönlichen Arbeitsbereiche eingerichtet – mit einer nicht einsehbaren Dachterrasse zwischen den beiden Atelierbereichen. Während der Architekt an seinen Projekten arbeiten kann und in einer Leseecke entspannen kann, hat die Schmuckdesignerin ihre individuelle Arbeitsecke mit Werkbank und Werkzeugen.

Materialwahl: reduziert auf das Wesentliche

Die Beschränkung auf wenige Materialien und Praktikabilität lautete das Credo der beiden. So tragen gemauerte Wände einen schlichten farblosen Kalkputz, der Boden besteht aus Zementestrich. Schön ist das Detail, wie Kalkputz und Estrich aufeinandertreffen: Hier trennt eine klare Fuge im Boden den Putz vom Estrich. Damit keine Nägel in die Wand geschlagen oder Löcher gebohrt werden, ist in allen Wänden unterhalb der Decke eine schlichte Leiste in den Putz eingelassen, in die Bilderhaken eingehängt werden können. „Wir haben vorher in einem Nurdachhaus gewohnt, wo wir keine Bilder aufhängen konnten. Nun genießen wir es, Kunst zu zeigen“, erklärt der Architekt dieses besondere Detail. Im Flur hat die Schmuckdesignerin die Haken selbst zum Kunstwerk gewandelt: jedes Jahr tragen und variieren 24 Haken ein spezielles Motiv als Adventskalender.

Fenster- und Türrahmen sind aus Lärchenholz, innen geölt und außen farblos lackiert. Geschickt verschwinden die Schiebetüren in den Wänden und eröffnen so weite Blicke durch die Wohnräume hindurch nach draußen. Vor allen Fenstern hängen schlichte, lange weiße Vorhänge, die den Raumeindruck ständig wandeln. Besonders schön, nahezu mediterran, wirkt die Dachterrasse im Ateliergeschoss, wenn die Vorhänge dort im Wind schwingen. Wenn es dunkel wird, erhellt ein Raster aus Downlights das Haus. Im Abstand von 1,50 x 1,50 m wurden die Öffnungen für die Downlights bereits in die Schalungen der Betondecken eingelassen – eine besondere Herausforderung nicht nur für die Maurer, auch für den Elektriker.

Mauerwerk: gut durchdacht

Zwei Maurer haben das ganze Haus errichtet. Sie haben die Wände gemauert, die Schalungen für die Betondecken errichtet und die Decken gegossen. Die Außenwände bestehen aus einem zweischaligen Mauerwerk mit einer hinterlüfteten Verblenderschicht, die sich als schlichter Läuferverband um das Haus legt. „Wir wollten einen klassischen orange-roten Ziegel mit normalem, grauen Fugenmörtel“, erläutert der Architekt die Farbwahl. „Das Verblendmauerwerk ist halbsteinig und hat nur eine horizontale Fuge im Bereich des Obergeschosses.“ Besonders ins Auge fällt das Lochmuster in der Eingangsfassade. Es ist im ganzsteinigen Blockverband gemauert und auf Höhe der Geschossdecken mit der Tragkonstruktion verbunden. Zwei vertikale Fugen trennen es vom Verblendmauerwerk. Damit der Wind nicht durch die Löcher ins Haus pfeift, schließt innen eine transparente Doppelstegplatte aus Plexiglas den Raum ab. Bei Bedarf kann man sie entfernen. „Wir waren gespannt, was hinter der Lochfassade passiert. Ob sich dort Vögel einnisten oder Schmutz sammelt“, beschreibt Frau Schürmann ihr Experiment. „Jetzt wohnen wir schon fast drei Jahre hier und nichts davon ist eingetroffen.“ Die Hausherrin hat lange getüftelt, bis das „Häkelmuster“ stand, wie sie es liebevoll nennt. „Die Wand sollte offen, aber auch geschlossen sein. Ich habe in unserem Garten in Fischerhude zahlreiche Probemauern aufgestellt und bin neugierig durch die Stadt gegangen auf der Suche nach guten Beispielen.“

Viel Liebe zum Detail

Überhaupt haben die beiden Bauherren sich schon lange vor Baubeginn sehr intensiv mit ihrem Haus und ihrem neuen Lebensentwurf beschäftigt. Sie haben alles in einem kleinen Buch sorgsam und sehr ansprechend zusammengestellt: Recherchen, Impressionen, Analogien, Skizzen, Zitate und Zeichnungen. Dieses kleine Manifest ließen sie zum Baubeginn drucken. Rainer Schürmann hatte bis dahin das ganze Haus per Hand gezeichnet und durchdetailliert. Er betont: „Es wird nur gebaut, was gezeichnet wird.“ Die beiden Maurer fühlten sich durch seine Details gefordert und waren richtig stolz auf ihr Werk. Beim Tischler, der die Fenster bauen sollte, kamen die Details zunächst nicht so gut an, sodass der Architekt im Laufe der Bauzeit einiges reklamieren und austauschen lassen musste. Da die großformatigen Glasscheiben an der Dachterrasse im Obergeschoss während des langen und strengen Winters 2011/2012 nicht rechtzeitig eingebaut waren, brachte ein heftiger Sturm einen beträchtlichen Feuchtigkeitsschaden mit sich und verzögerte die Fertigstellung. Doch Ende gut, alles gut. Heute ist dem Haus davon nichts mehr anzumerken.

Das Ehepaar Schürmann hat sich bewusst für eine Bauweise als Niedrigenergiehaus nach KfW-Standard entschieden. Sie wollten keine Passivbauweise mit Zwangslüftung, sondern das Lüften selbst „in die Hand“ nehmen, wie sie sagen. Das Haus wird durch eine erdgasbefeuerte Niedrigtemperatur-Fußbodenheizung beheizt. Die Sonneneinstrahlung durch die großen Fenster trägt eine Menge zur Erwärmung des Hauses bei. Das war schon bei der Besichtigung an einem klaren und kalten Wintertag zu spüren. Susanne Kreykenbohm, Hannover