16. Architekturbiennale in Venedig

Unbuilding Walls

Auf einer Pressekonferenz Anfang Februar 2018 erläuterten die Kuratoren des deutschen Pavillons der 16. Architekturbiennale in Venedig ihr Konzept

In jedem „runden“ Jahr gibt es in Venedig seit 1980 die Architekturbiennale (in den ungraden Jahren die wesentlich ältere Kunstbiennale, die seit 1895 stattfindet). Traditionell gewachsen versteht sich die internationale Ausstellung auch als eine Schau nationaler Leistung, deren länderbezogene Umsetzung Jahr für Jahr in den Giardini organisiert wird, dort in den 28 Nationenpavillons, von denen sich einige wenige einige wenige Länder teilen (Skandinavien).

Einer dieser Nationenpavillons ist der deutsche, der zwischen denen von Japan, Großbritannien und Frankreich im Osten des Gartengeländes steht, ein Bau aus der faschistischen Heroik, an dem sich Künstler aber auch Architektenkuratoren immer wieder abarbeiten. Auf der letzten Architekturbiennale 2016 wurde der Pavillon nach außen geöffnet, ein schöner wie aus Denkmalsicht radikaler Eingriff, der allerdings allein deshalb erlaubt war, weil die Ausstellungsverantwortlichen den Rückbau zugesagt hatten.

Der für die Ausstellungsabwicklung zuständige Staatssekretär Gunther Adler bekannte, dass er lange überlegte habe, dieses Versprechen irgendwie zu vergessen, ihm habe das Öffnen des Pavillons sehr gefallen. Und nicht nur ihm, auf der Pressekonferenz vom 5. Februar 2018, auf welcher er mit den Kuratoren des deutschen Biennale-Beitrags eben diesen vorstellte, nickten zahlreiche Anwesende zustimmend.

Doch das Konzept des deutschen Beitrags „Unbuilding Walls“ auf der 16. Internationalen Architekturbiennale wird (endlich!) einmal ein anderes sein. Nicht der Kampf mit einem sperrigen und historisch belasteten Gebäude steht im Mittelpunkt, nicht dessen Inszenierung durch Umformung, es wird – so war es jedenfalls zu verstehen – eine Ausstellung geben. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. In einem Gespräch im Nachgang zur Pressekonferenz mit Gunther Adler bejahte dieser die Frage, ob der Bund, der die Ausstellung in Venedig finanziert, in diesem Jahr weniger die Leistungsschau im Fokus habe und endlich einmal dem kuratorischen Konzept vertraue, das durchaus auch kritische Positionen zum bundesrepublikanischen Selbstverständnis transportiere. Was wir also nicht  sehen werden, sind Vorzeigeprojekte, die das Thema der Ausstellung als Referenzen für deutschen Architekten- und Ingenieurskunst transportieren. Das möglicherweise auch.

Die Ausstellung wird der Frage nachgehen, was stadt- oder auch landschaftsräumlich dort passiert, wo unüberwindliche Grenzen verlaufen. Ganz konkret werden dazu architektonische Projekte auf dem ehemaligen deutschen Grenzstreifen untersucht um das Leben mit Mauern sichtbar und erlebbar zu machen. Eines der auf der Pressekonferenz präsentierten Beispiele von den insgesamt 28 ist der projektierte Axel-Springer-Neubau von OMA, der auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte geplant ist. Ein anderes Projekt ist der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie, der längst von der internationalen Touristenwolke als authentischer Geschichtsort wahrgenommen wird, an dem über Selfies vor unechter Grenzerszenerie Erinnerungskultur ihre ganz besonderen Blüten treibt.

Gezeigt wurden noch der Europa-Radweg Eiserner Vorhang, der heute entlang der früheren Westgrenze der Warschauer Pakt-Staaten verläuft und mit über 1000 km Länge nicht nur die Kondition der Radfahrer herausfordert. Und last but not least gab es einen kleinen Blick auf das Projekt „Wüstungen“, in dem gezeigt wird, was aus Kulturraum werden kann, wenn ihm die Menschen entzogen werden. Als Beispiele wurden dafür die Dörfer Jahrsau und Lankow gezeigt, die beide aus ideologisch strategischer Berechnung heraus vom DDR-Regime „geräumt“ worden waren und die heute als historische Stätten unter Denkmalschutz stehen.

Über diesen nationalen Blick hinaus geht der Blick der Kuratoren auf weitere „Mauerthemen“ und zwar zwischen Israel und Palästina, Mexiko und USA, Nord- und Südkorea sowie Nordirland und Irland. Hier sollen die Menschen vor Ort zu ihrem Umgang mit der Mauer befragt werden, die Interviews werden im Pavillon präsentiert.

Das Thema sei riesengroß, so die Kuratoren, manches bliebe auf der Strecke, unerwähnt, nur angerissen. Doch angesichts der 3 Minuten Maximalaufmerksamkeit der durch die Pavillons eilenden Besucher sei viel mehr als ein Anriss auch gar nicht möglich. Das Ausstellungsthema werde aber im Katalog (bei Birkhäuser: "Unbuilding Walls. Vom Todesstreifen zum freien Raum From Death Strip to Freespace") vertieft und über viele weitere Facetten ergänzt. Ob es aber wirklich eine Stellwandlandschaft wird?! GRAFT würde damit sehr überraschen … aber warum nicht auch einmal auf diese Weise! Be. K.

Kuratoren

Marianne Birthler

*1948 in Berlin / Marianne Birthler ist eine deutsche Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen). Sie gehörte zur DDR-Opposition und 1990 der ersten frei gewählten Volkskammer an. Der deutsche Bundestag wählte sie im Jahr 2000 zur Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Dieses Amt hatte sie bis 2011 inne. Frau Birthler ist heute ehrenamtlich in diversen Gremien tätig, u. a. gehört sie dem Beirat der Gedenkstätte Berliner Mauer an.

Wolfram Putz – Architekt BDA

*1968 in Kiel / Wolfram Putz studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig sowie der University of Utah, Salt Lake City. Er machte seinen Abschluss Dipl.-Ing. Arch. in Braunschweig und erhielt seinen Masterabschluss am SCI Arc, Los Angeles, USA. 1998 gründete Wolfram Putz das Büro GRAFT zusammen mit Lars Krückeberg und Thomas Willemeit. Nach einer Gastprofessur 2008–2009 sowie einer Vertretungsprofessur 2016–2017 an der RWTH Aachen hat Wolfram Putz aktuell eine Gastprofessur an der TU Delft inne.

Lars Krückeberg – Architekt BDA

*1967 in Hannover / Lars Krückeberg hat Architektur an der Technischen Universität Braunschweig, der Università degli Studi di Firenze und dem Deutschen Institut für Kunstgeschichte in Florenz, Italien, studiert. Er machte seinen Abschluss Dipl.-Ing. Arch. in Braunschweig und erhielt seinen Masterabschluss in Architektur am Southern Californian Institute of Architecture SCI Arc, Los Angeles, USA. 1998 gründete Lars Krückeberg das Büro GRAFT zusammen mit Wolfram Putz und Thomas Willemeit. Nach Gastprofessuren an der Hafen City Universität Hamburg sowie der RWTH Aachen hat Lars Krückeberg aktuell eine Gastprofessur an der TU Delft inne.

Thomas Willemeit – Architekt BDA

*1968 in Braunschweig / Thomas Willemeit studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig und diplomierte 1997 nach Meisterklassen zu Architektur und Städtebau am Bauhaus Dessau und in Wien. Nach zweijähriger Tätigkeit im Studio Daniel Libeskind gründete Thomas Willemeit in Los Angeles das Büro GRAFT zusammen mit Wolfram Putz und Lars Krückeberg. Neben seiner Tätigkeit als Architekt gewann Thomas Willemeit zahlreiche Preise als Violinist, Sänger und Dirigent. Er war Gastprofessor der Architektur an der RWTH Aachen, an der Peter-Behrens-School-of-Art Düsseldorf und ist derzeit Gastprofessor an der TU Delft.

GRAFT Gesellschaft von  Architekten


Die 16. Architekturbiennale in Venedig findet vom 26. Mai bis zum 25. November 2018 statt. Als Biennale-Direktorinnen wurden Yvonne Farrell und Shelley McNamara von Grafton Architects aus Dublin benannt. Sie sind unter anderem bekannt für zahlreiche öffentliche und Bildungsbauten. Ihr beeindruckender Universitätsbau in Lima wurde mit dem International Prize des Royal Institute of British Architects ausgezeichnet.

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