Treppenvariationen!

Stair Case Study Houses 01 + 02, Hamburg

Es sind die kleinen Dinge, um die sich Architekten kümmern sollten, sie bringen dann auch die größte Freude für Bauherren und Designer. Weniger ist mehr, weniger ist normal! 

Man könnte diese Geschichte wie ein Märchen auffassen; sie handelt von Hexenhäuschen, von verwunschenen Hinterhöfen und schweben­den Treppen. Und ein wenig verträumt klingt es, wenn der Architekt Gerd Streng erzählt, wie er mit großen Augen einst die große gebundene Jubiläumsausgabe über die 36 Case Study Houses in der Megapolis von Los Angeles verschlungen hatte – diese Show der großen Namen wie Neutra, Eames oder Saarinen, bei der es darum ging, neue Wohnformen zu entwickeln und die Wohnungsnot der amerikanischen Kriegsheimkehrer pfiffig, experimentell und gerecht zu lösen. Auch bei Streng handelt es sich um eine neue Raum-„not“ in den großen Städten. Um weniger ist mehr und weniger heißt hier normal: Aus Case Studies Houses sind optimierte und raumsparende Stair Case Houses geworden und das ist gebaute Realität.


Kluge Einbauten

Das Stair Case Study House 01 liegt in einem heimeligen Hinterhof im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel/Hoheluft-West, nicht weit von dem Ort entfernt, wo die Tagesschau gemacht wird. Eine Grafik-Designerin und ein Filmre­gisseur bewohnten mit ihrem Sohn dort eine 3-Zimmer-Wohnung im ersten Obergeschoss: Hier geht man nicht mehr fort, auch wenn die Familie sich unerwartet um Zwillinge erweitert. Die darunter liegende Erdgeschosswohnung konnte hinzugekauft werden – zwei Wohnungen für fünf Leute? Gerd Streng verband beide Teile zu einer Maisonettewohnung mit einer neuen einläufigen Treppe. Im privaten Obergeschoss (ca. 80 m2) sind nun alle Schlaf- und Kinderzimmer sowie das Hauptbadezimmer angesiedelt, das Erdge­schoss (ca. 40 m2) wurde komplett entkernt und saniert und wird als Allraum mit neuer Wohnküche genutzt. Soweit die Pflicht. Die Treppe als Skulptur zu würdigen, sie im Erdgeschoss in ein U-förmiges Sitzmöbel aus Sideboard, Stauraum und Wohnzimmercouch auslaufen zu lassen – das ist die Kür. Die Trittstufen sind weiß lackiert und führen auf dem Weg nach unten zum weißen Wohnzimmer­möbel. Die gelben Setzstufen bilden auf dem Weg nach oben eine Einheit mit dem monochrom gel­ben Treppenraum. Das ist, was Streng mag, zaubern, ein wenig verunsichern.„In utero“ schmunzelt der Architekt. Diese Treppe ist ein verschmitzter Raumkünstler. Er formuliert einen aufsteigenden, wechselnden Flaschenhals der Verbindungen zwischen der relativen Weite der oberen und unteren Räume.
Tagsüber wird das Treppeninnere durch einen glasfaserverstärkten, laminierten Polyesterrost illuminiert, abends wird der Rost gar zum leuchtenden Fenster.

Stair Case Study House 02 ist das Haus des Architekten Streng. Ein Rotklinkerhaus von 1939 ,1960 saniert und jetzt mit gezielten Eingriffen für heutige Bedürfnisse einer vierköpfigen Familie ertüchtigt. Alles Neue ist orangefarben markiert, auch die magischen Stufen, die in den Spitzboden führen. Er war bisher ungenutzt und ist bei diesen 55-Grad-Satteldachhäusern eine gegebene Raumreserve. Das neue Treppenobjekt ist schmal wie eine Dahlbuschbombe, jene torpedoförmige Rettungskapsel, mit der Bergleute aus der Grube gerettet werden. Es katapultiert die Eltern in ihr Reich wie Kai aus der Kiste. Diese orangefarbene Box ist eine gelungene Weiterentwicklung einer Spindeltreppe, geboren aus der (Platz-)not: „Platzmangel sowie die bestehenden Zugbalken der Dach- und Deckenkonstruktion erforderten eine Neuinterpretation der klassischen Wendeltreppe“, erklärt der Architekt. Die neue imaginäre Spindel verläuft diagonal durch den Raum und man bewegt sich in einem minimalen Korridor um sie herum nach oben. Es entsteht eine Treppe, die sich bei gleicher Ein- und Austrittsbreite ledig­lich mit einem Viertel der Grundfläche einer traditionellen Spindeltreppe begnügt. Die Belohnung nach der Enge: Der luftige Giebelraum wird durch Tüfteleien und Erfindergeist des Architekten zum Raumlabor mit passgenauem Einbaumöbel in der Giebelwand, mit Faltschiebetüren und Schublade-in-Schublade-System. Ein „Eulenfenster“ im Rückgiebel ist konisch ausge­spart und hat reflektierende hochglanzlackierte Leibungen.

Stair Case Study No. 03 ist in Arbeit, steht in Hamburg-Harburg, bringt eine begehbare Anrichte als Treppe mit sich und, diese Treppe kann anders als die zwanghaft eingesperrten Vorgänger schweben – es bleibt eine märchenhafte Story!