Tradition und Traditions­bruch Wohnanlage Redukt, München - Deutsche BauZeitschrift


Tradition und Traditions­bruch

Wohnanlage Redukt, München

 „Das Fundament steht an der falschen Stelle, man hätte dieses Haus in den Himmel setzen sollen.“

Einstürzende Neubauten: „Redukt“ (auf CD „Silence is sexy“, 2000)
 

„Über den funktionellen Bauorganismus hinaus erwartete der Bauherr eine Sichtbarmachung der geistigen und geistlichen Zweckbestimmung dieses Bauwerks“. Das schrieb Paul Schneider-Esleben, als er im Januar 1967 in der DBZ Entwurf und Ausführung des Alfred-Delp-Hauses im Münchner Stadtteil Nymphenburg erläuterte. Besagte Sichtbarmachung gelang vorzüglich. Zeitgenossen verglichen den Bau mit Le Corbusiers La Tourette, bewunderten das zarte Farbenspiel, konzedierten die sich aus der rigorosen Form ergebenden funktionalen Mängel als lässliche Sünde und lobten vor allem den Architekten, weil es diesem gelungen sei, dem Jesuitenorden ein zeitgemäßes, sowohl in sich fokussiertes wie für äußere Einflüsse offenes Ordens- und Redaktionshaus zu geben. Ein Bau, der ebenso monumental wie kontextbezogen war, der mit schalungsrauen Sichtbeton-Oberflächen erdverbunden wirkte, der aber aufgrund seiner stringenten Form - eine durchgehende Sechseck-Wabe mit sechseckigen Bibliotheks- und Kapellentürmen, einer sechseckigen Eingangshalle und sechseckigen Zellen, die zweigeschossig einen stillen Hof umschlossen - das Ruppig-Rohe seines Erscheinens verfeinerte. Ein Bau, der sich allen Konventionen entzog, der alsbald selbst zur Pilger­stätte wurde. Rückblickend lässt sich sagen, Schneider-Esleben hat ein Monument für ein Monument geschaffen: Karl Rahner, der bedeutendste katholische Theologe deutscher Sprache im 20. Jahrhundert, lebte hier mit 18 anderen Patres und vier Schwestern in klösterlicher Gemeinschaft und trieb mit der in diesem Haus redigierten Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ die Modernisierung der katholischen Kirche voran. Doch gegen Ende des Jahrhunderts leerten sich die Klosterzellen, der Orden gab das seit 1999 denkmalgeschützte Haus auf und verkaufte es, wobei der zwischenzeitliche Käufer bei der Stadt München – sehr zum Unwillen von Stadtbaurätin Christiane Thalgott – eine Nutzungsänderung und eine Erhöhung der BGF von 2 800 m² auf 3 500 m² durchsetzen konnte.

Es galt, die Gratwanderung zwischen Tradition und Traditionsbruch zu vollziehen. Zwischen bewahrtem Erbe und notwendiger Transformation, zwischen sakraler Vergangenheit und profaner Wohnnutzung in der Zukunft. In dieser Ambivalenz und Widersprüchlichkeit haben die Architekten Franke, Rössel, Rieger, die der mutige Investor, der Münchner Bauträger Josef Mattusch, direkt beauftragte, ein gelungenes Werk geschaffen. Voraussetzung für die Neukonzeption des Ge­bäudes war eine Auseinandersetzung mit der Geschichte. Mit der des Namensgebers - des Jesuiten Alfred Delp, Redakteur bei „Stimmen der Zeit“, den die Nazis im Februar 1945 ermordeten -, mit der der Bewohner. Doch, wie Franke erläutert, die Auseinandersetzung mit dem vom Investor „Redukt“ getauften Bau ist noch nicht abgeschlossen. Auch jetzt, wenn ein potentieller Käufer - vier der vierzehn Luxuswoh­nungen sind noch frei - zu betreuen ist, gewinnt der Architekt dem Bau neue Erkenntnisse, neue Blickwinkel ab. Erste und wichtigste, doch zunächst banal scheinende Intervention war das Neuordnen der Erschließung. Drei neue Treppenhäuser planten die Architekten - mit der Konsequenz, dass zum einen die Wohnungen nicht kleiner als 150 m² sind und zum zweiten, dass in der vormals einhüftigen Anlage nun ein Durchwohnen mit der Öffnung in zwei Himmelsrichtungen möglich wurde. Neue Wände wurden eingezogen, andere entfernt, die sechseckige Struktur aber blieb erhalten. Ebenso die nach dem aleatorischen Kompositionsprinzipien verteilten fast raumhohen Fenster unterschiedlicher Breite. Im Hof, von dem alle Wohnungen erschlossen werden, entstand eine Tiefgarage, auf eine Rampe - sie hätte die Anlage merklich beeinträchtigt - wurde zugunsten eines Autoaufzuges verzichtet.

Die Arbeiten für die Garage standen in Zusammenhang mit Gründungsarbeiten für die Erweiterungen. Schneider-Esleben hatte nicht nur das Grundstück für seine breit gelagerte Anlage, sondern auch die Tragstruktur bis ins Äußerste ausgenutzt. Die zusätzliche Last der neuen Etagen konnte deshalb nicht einfach auf die Bestandskonstruk­tion aufgesetzt werden. Neue Träger meist in Wandform bilden jetzt die zusätzliche Konstruktion, dabei wurde auch das Erdreich mit Zement-Hochdruckinjektionen stabilisiert und verfestigt. Nach dem Umbaukonzept sollen die neuen, skulptural geformten Geschosse deutlich vom Bestand ablesbar sein. Die Lochfassade wurde deshalb mit hinterlüftetem, gold leuchtendem Streckmetall aus einer Kupfer-Aluminiumlegierung verkleidet, die an den gelben Sonnenschutz aus Klosterzeiten erinnert. Die Ausstattung der neuen Räumlichkeiten ist dem Klientel zufolge luxuriös, die Grundrisse orientieren sich an dem Sechseck-Raster.

Der Beton mit seinen grauen Flächen, seiner Härte, seiner Kargheit, so wurde es von Zeitgenossen empfunden, war dem asketischen Leben der Jesuiten angemessen. Und, das wurde damals fast mit Verwunderung aufgenommen, der Beton war von allererster Güte. Dennoch, nach damaligem Stand ausgeführt, gab es eine Menge Wärmebrücken, die Oberflächen waren von der Witterung angegriffen, insgesamt genügte die in heutiger Sicht mäßig gedämmte Hülle nicht aktuellen Energiespar-Ansprüchen. Darüber hinaus wurde sie von Schneider-Esleben selbst Anfang der 90er zu ihrem Nachteil verändert. Kupferverkleidungen für die Türme, Farbe, verschiedene Beschichtungen entsprachen praktischen Erfordernissen, der Ästhetik bzw. materialgerechten Wirkung des Baus taten diese Veränderungen nicht gut. Wesentlich besser dagegen war die Entscheidung von Franke, Rössel, Rieger, die Betonoberflächen wieder auf ihre ursprünglichen Qualitäten zurückzuführen. Die Kupferbleche wurden entfernt, die Betonfarben mit chemischen und mechanischen Mitteln beseitigt, die Wände auf den Innenseiten mit jeweils 10 cm Schaumglas gedämmt, die freigelegten Außenseiten schließlich mit einer wasserabweisenden, aber nicht sichtbaren Nanobeschichtung versiegelt. Kein kosmetisch makelloses Äußeres ist das Ergebnis dieser Prozedur, son­dern – mit Ausnahme des Kapellenturms, der eine neue Hülle aus glattem Sichtbeton trägt – ein Erscheinungsbild mit Schlieren, Patina, Stößen, Abplatzungen, kurz: mit allen Spuren der Geschichte. Ent­gegen des Songs der Einstürzenden Neubauten steht das Redukt in Nymphenburg an der richtigen Stelle. Es steht für ein gelungenes Weiterbauen von Geschichte – und hoffentlich für einen gelungenen Neuanfang.