Pavillonzeit dort und hier

Die Schweiz will es besser machen als damals, in Hannover; eine Ausstellung in Zürich

Vor exakt 10 Jahren überraschte die Schweiz auf der Expo in Hannover mit einem Pavillon, der ganz auf Understatement setzte. Peter Zumthor baute zwischen all die exaltierten und überdrehten Schaubuden, zwischen die bunten Trockenbaulandschaften und Pseudohightec-Türme, -kisten, neben die schön geformten und luftigleichten Zelte einen wohlgeschichteten Holzstapel, der von einem rechtwinkligen Gängesystem überschaubar erschlossen war. In dieser Stapellandschaft aus Holz ließ der Architekt Alphörner auf- und durchmarschieren, Texte beinahe unleserlich projizieren, Essen anrichten und mit anderen subtilen Aktionen das aufleben, was man mit der Schweiz wohl verbinden mochte; oder auch nicht. Und wenn es regnete wurden alle nass.

Zumthors Pavillon für die Schweiz ist deswegen unvergessen … haben Sie noch ein Bild vom deutschen, vom britischen oder französischen Pavillon vor Augen? Doch leider hatte Peter Zumthor etwas vergessen, etwas expowesentliches: Er machte keine Werbung für eine Nation, von der wir anlässlich der diesjährigen Expo in Shanghai lesen können, sie sei „auch eine Nation mit Innovationskraft, Zukunftsorientierung und wissenschaftlichen Stärken von internationaler Relevanz“ (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA). Wahrscheinlich wurde der Mann im Nachhinein noch gescholten, denn tatsächlich hat sein schöner schlichter Holzstapel wieder einmal mehr die Klischees von einer Schweiz bedient, die immer noch auf Handwerk, auf Qualität und Bodenhaftung setzt.

Das aber ist – aus Sicht der EDA – nicht mehr ausreichend und irgendwie auch unzeitgemäß. Uhren, Alpen, Lebensqualität und Schokolade … entsprechend den Ergebnissen einer wissenschaftlichen Imagestudie, die die EDA vor der Wettbewerbsauslobung zum Schweizer Pavillon 2006 beauftragt hatte, basiert das Image der Schweiz in China vor allem auf diesen bekannten, wenngleich positiven Klischees. Zu wenig, um im Riesenland und Riesenmarkt China als ebenbürtiger Partner wahrgenommen zu werden. Der Pavillon 2010 soll das – noch bis Ende Oktober – ändern.

Unter dem Motto „Better city, better life“ präsentieren sich die Eidgenossen mit einem Pavillon, der unter dem Thema „rural-urban interaction“ die Bedeutung eines intakten Zusammenspiels von Stadt und Land für eine nachhaltige Entwicklung hervorheben soll. Sieger des Wettbewerbs damals waren die Architekten Buchner Bründler zusammen mit den Ausstellungsgestaltern element GmbH, beide aus Basel. Ausschlaggebende Faktoren für die Verleihung des ersten Preises waren Zeichenhaftigkeit und Originalität.

Was nun die Originalität des recht massiven und sehr präsenten Baus ausmacht, ist nicht recht zu erkennen, ganz im Gegenteil erscheint das Konzept des hybriden Natur-Technik-Gebildes dem niederländischen von Hannover (MVRDV) abgeschaut, die Form erinnert an den Metropol Parasol (J. Mayer H.). Eine grüne Wiese (Heidiland?) in abstrahierter Landesform breitet sich auf dem Dach aus und schützt, sehr zeichenhaft, die darunter liegende so genannte Stadtlounge. Und wie kommt man hinauf auf diesen idealisierten Rückzugsort, die Alm? Mit einer Sesselbahn natürlich, welche beide Ebenen verbindet. Das Dach wird getragen von sich nach oben trichterartig weiten Räumen, die zusammen mit dem Aussenraum die Ausstellung, Restaurant- und Shopbereich sowie ein Grossraumkino aufnehmen. Der Außenraum wird gebildet durch einen durchlässigen Vorhang, der vom Dach zum Boden gespannt ist. Auf dem Fassadennetz – und jetzt Achtung, hier kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit/Hightec – befinden sich runde Elemente, die mit einem Energiekollektor, einem Speicher sowie einem Verbraucher ausgestattet sind. Die Energie, die durch die Solarzellen generiert wird, lässt LEDs aufblitzen, so dass die Fassade zu einem funkelnden Vorhang wird. Ansonsten aber ist der Pavillon an das lokale Stromnetz angeschlossen, in welches Energie eingespeist wird, die aus unbekannten Quellen gewonnen wird.

Wer keine Zeit hat, den Schweizer Pavillon in Shanhai zu besuchen, sollte in die Schweiz reisen. Die liegt näher und lässt sich ganz unverstellt als das ansehen, was sie ist: ein Industrieland mit typischen Umweltproblemen, mit massiver Zersiedlung und einem Berg von Klischees im Nacken, die wir Nichtschweizer uns so gerne immer wieder neu bestätigen lassen wollen. In der Schweiz, genauer in Zürich, gibt es ab dem 22. September (bis 4. November) eine Ausstellung. Thema: Eine Ausstellung und ihr Pavillon, in Shanghai. Be. K.



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