Learning from Las Vegas

Ein Milliardenprojekt könnte Las Vegas Einmaligkeit beenden

In Las Vegas – ja, die Wüstenstadt gibt es noch – geht architektonisch alles; so lange ein Wirtschaftsprüfer sein Okay dazu gibt. Spätestens seit Robert Venturi in dem von ihm, seiner späteren Ehefrau Denise Scott Brown sowie Steven Izenour 1972 veröffentlichten Buch „Learning from Las Vegas“ behauptete, die Potemkinarchitektur der Spielerstadt sei die wahre Architektur der Moderne, hätten die Einwände der Architekturkritiker und Kollegen gegen solches Fakes und auf den Augenblick produzierte Bauten kraftlos in sich zusammenfallen können … philosophisch betrachtet jedenfalls. Wie keine zweite Stadt der Welt – Venedig allerdings holt auf – ist Las Vegas ein Architekturlabor, in welchem tagtäglich überprüft wird, welche Gebäudetypologien in welchen Dimensionen beim inter­nationalen Spieler- und Vergnügungspublikum ankommen.

Manches Hotelcasino ist heute schon Kult, andere, direkt daneben, werben mit room ratings, die die Einnahmeausfälle des Beinaheleerstandes auch nicht mehr kompensieren können. Die Wüstenstadt, die Umweltschützer und Sittenwächter am liebsten geschlossen sähen, war bis vor Kurzem ein Beispiel für die kalkulierte Ausbeutung aller Ressourcen. Mit einem Neubau am Strip, dem 5,7 Milliarden-Euro Projekt „City Center“, hat Las Vegas nun ein privat finanziertes Architekturensemble, das man von seinen Dimensionen her eher in China oder Dubai vermuten könnte. Der Komplex aus Hotels und Casinos mit über 27 000 m² Flächen, mit insgesamt 6 000 Betten, Eigentumswohnungen, einem eigenen Boulevard und einer eigenen Hochbahn stammt zudem aus renommierten Planerbüros: Daniel Libeskind hat das Shopping Center gebaut, Helmut Jahn, Rafael Vinoly, Cesar Pelli, Norman Foster und David Rockwell haben je ein Hotel beigesteuert.
Mit dem „City Center“ erhält Las Vegas zum ersten Mal die Architektur, die wir in den Downtowns vieler Großstädte der Erde erwarteten: Keine billig gemachten Klischees mit Amüsierglasur, keine in bessere Badepools gepresste Themenlandschaften mit Showtime everytime, nein, schlicht teure, einem international verbreiteten Formenvokabular angepasste Stahl-/Glasarchitekturen. Investor ist der MGM Mirage Konzern, dessen Umsatz 2006 rund 7,8 Milliarden US-Dollar betrug. Der Konzern mit rund 72 000 Mitarbeitern in aller Welt ist der zweitgrößte Betreiber von Spielcasinos weltweit.
Ob das den Kritikern gefallen kann: Las Vegas, nur noch ein bisschen glänzender als die Downtown in Boston oder das Bankenviertel in Frankfurt? Zumindest dieser Berufsgruppe könnte die Wüstenstadt dann so wichtig werden wie das in der Ostsee versunkene Vineta; feinste Geschichte, aber Geschichte eben. Armes reiches Vegas! Be. K.
Weitere Informationen unter www.mgmmirage.com

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