Kontextuelle SkulpturenMeixner Schlüter Wendt, Frankfurt a. M. - Deutsche BauZeitschrift


Kontextuelle Skulpturen

Meixner Schlüter Wendt, Frankfurt a. M.

Sie arbeiten mit Wahrnehmungen, Bildern und Assoziationen, und verbinden diese konzeptuell mit den pragmatischen Parametern alltäglicher Bauaufgaben. Meixner Schlüter Wendt stellen mit ihren stets sehr plastischen Bauwerken nicht nur Flächen her, sondern aktivieren Raum und Ort.

International stehen sie ziemlich gut da. Dreimal an der Biennale in Venedig teilgenommen, in angesagten Lifestyle-Magazinen wie „Wallpaper“, „Frame“ oder „Mark“ und in seriösen Architekturpublikationen wie „a+u“, „Architectural Review“ oder „werk, bauen + wohnen“ veröffentlicht, und wann immer international ein Überblick über „junge“ oder „neue“ Architekturbüros in Deutschland gegeben wird, zählen sie dazu: Claudia Meixner, Florian Schlüter, Martin Wendt und ihr gleichnamiges Büro, das sie 1997 gründeten. Die ausgestellten oder publizierten Bauten waren zunächst eher kleinerer Dimension und auch keine spektakulären UFOs, die ihren kulturellen raison d’être nur in der Prominenz des Verfassers haben. Im Gegenteil: Die Gebäude des Architekten-Trios, die zumindest auf den ersten Blick keine gemeinsame Handschrift erkennen lassen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits mit großer Sensibilität auf den Kontext reagieren.

Andererseits zeigen ihre Bauten eine formale Autonomie, die es ermöglicht, die Anforderungen ihrer Bauherren zu erfüllen, gleichzeitig über die Zweckform hinaus etwas auszudrücken. Denn das ist das Spezifische an Meixner Schlüter Wendt (MSW): Sie beharren beinahe offensiv auf Imagination und Konzept, auf Wahrnehmung, Assoziation und Polyvalenz, wobei sie Strategien wie Paral-

laxenverschiebung, auf Ready-mades und deren Transformation anwenden, die aus der zeitgenössischen Kunst bekannt sind.

Ein Beispiel: der 2005 fertig gestellte Umbau der evangelischen Dornbuschkirche. Das Anfang der 1960er-Jahre gebaute, ästhetisch eher anspruchslose Gotteshaus im Frankfurter Norden – Spitzname: Hangar - war für eine Gemeinde von 12 500 Mitgliedern konzipiert worden. Zur Jahrtausendwende sank deren Zahl auf 3 500, der Gemeindevorstand erwog den Abriss der alten und den Neubau einer neuen, kleineren Kirche. MSW sollten Varianten entwickeln. Schon seit Vitruv gilt unter Architekten neben dem Museumsbau der Kirchenbau als Königsdisziplin, weil er mehr Freiheiten bezüglich bei Form, Konstruktion und Materialität verspricht. Wer hätte es also den Architekten verübelt, die große Geste zu wagen? Ein Beifall heischendes Bauspektakulum? Ein Gebäude für die Schlagzeilen, dessen pittoreske Geometrie in Domus oder Casabella faszinierender wirkt als in der Realität? Nicht so MSW. Sie überraschten mit einer Schrumpfung des Kirchengebäudes um etwa zwei Drittel, mit einer Faltwand zum sich anschließenden Gemeindesaal und mit der Verwandlung des raumhohen bunten Glasfensters zur Ostfassade. So weit, so gebrauchswertorientiert und entsprechend unspektakulär. Das Herausragende des Umbaus ist die Südfassade, mit der die Architekten die Erinnerung an die alte Kirche zu einer einzigen Wand verdichteten. Altar, Kanzel, Taufbecken und Empore von einst sind als abstrakte Volumina, als Vor- und Rücksprünge, Ausbuchtungen und Stanzungen in der skulpturalen Wand abgebildet. Korrespondierend dazu wurde die Fläche des abgebrochenen Kirchenteiles als Platz ausgebildet, auf dem der frühere Grundriss und das entfernte Gestühl aufgemalt wurden. Platz und Wand verweisen in die Vergangenheit und sind dennoch in der Gegenwart – beispielsweise zu Gemeindefesten oder als Skater­gelände - zu gebrauchen. Und, als hätte Mies van der Rohes „Weniger ist mehr“ eines weiteren Beweises bedurft: Laut Aussagen des Pfarrers erleben die Mitglieder der Dornbuschgemeinde im kleineren Gotteshaus „mehr Kirche“ als früher. Die Gemeinde sei im doppelten Sinne des Wortes näher zusammengerückt und die Zahl der Gottesdienst­besucher um bis zu 30 % gestiegen.

„Den Raum, den Ort aktivieren“, sagen MSW, das sei das Ziel ihrer Arbeit. Beim Blick auf ihr Œuvre fällt auf, dass sie dazu unterschiedliche Mittel und Strategien verwenden. War es bei der Dornbuschkirche eine „signalhafte Transformation“ (FAZ), so ist es bei dem Umbau und der Erweiterung des Frankfurter Lessinggymnasiums ein schlichtes Entrümpeln. Die auch als Aula dienende Turnhalle der in den 60er-Jahren gebauten Schule mit ihrer gezackten Betonfaltwand ist sowohl konstruktiv als auch ästhetisch der Höhepunkt eines sonst recht anspruchslosen Gebäudes.

Im Innenraum verschwand die Wand im Laufe der Zeit hinter Prallschutz und päda­gogischem Mobiliar. MSW übten Zurückhaltung. Sie überhöhten das markante Bauteil nicht, sondern legten es lediglich im Zuge einer wohl noch 2013 fertiggestellten Sanierung frei. Nun erstrahlen die Betonzacken wieder in altem Glanz und bilden den atmosphärischen Clou einer neuen Schulmitte. Um eine ganz andere Art der Aktivierung des Raumes handelt es sich beim Licht- und Luftbad Niederrad, einer um 1880 aufgeschütteten Maininsel im Westen von Frankfurt. Das zärtlich „Lilu“ genannte Strandbad ist Teil des großangelegten Versuchs, das lange vernachlässigte Mainufer in das städtischen Leben zu integrieren. MSW bauten 2002 einen Kiosk mit Imbiss, Liegestuhlverleih, sanitären Anlagen und Aussichtsterrasse, der zum Dreh- und Angelpunkt des jährlich von 120 000 Gästen besuchten Lilu werden sollte. „Das Licht- und Luftbad Niederrad ist Frankfurt, wie es sein soll“, schrieb das Wochenmagazin „Zeit“ dazu. Das Lilu verweist auf ein weiteres Element, das während der Entwurfsarbeit von MSW konstituierend ist: das Spiel mit den Assoziationen zu Alltagsgegenständen, die eine hohe Authentizität besitzen und, weil viele sie kennen, für eine soziale Erfahrung stehen. War es bei der Dornbuschkirche die Abdruckform eines (Wein-)Flaschenkartons, so war es beim Lilu wegen der Hochwassergefahr ein Ponton.

Im Winter, in dem der Main bisweilen die Insel überschwemmt und der Betrieb ruht, wird das potentiell schwimmfähige Gebäude an Dalben gegen das Weiterschwimmen gesichert. Besagte Assoziationen bleiben bei MSW keine platten Analogien, sondern sind gleichsam intellektuelle Ready-mades und werden weiterentwickelt, präzisiert und transformiert. Beim Lilu wurde das Gebäude von einem Schiffsbauer konstruiert, der Innenausbau geschah wie der in einem Schiff als eigenständige Innenschale mit der räumlichen Abfolge von Hülle, Zwischen- oder Stauraum, Innenschale und Innenraum.

Am anderen Ende der Stadt, am Osthafen, realisierte das Trio 2012 den Bürobau „Dock 2.0“. Assoziation für die West- und Südfassade waren Container über- und nebeneinander gestapelt, wie sie bei den Logistikfirmen am Osthafen allenthalben herumstehen. Die Ost- und Nordfassaden sind dagegen mit ihrem gräulichen Putz weitgehend neutral, die Fensteröffnungen freilich wurden analog zu den an den anderen Gebäudeseiten ausgebildet. Auch im Wettbewerb um den deutschen Pavillon bei der EXPO 2000 in Hannover, die ja dem Gleichgewicht zwischen Mensch, Natur und Technik gewidmet war, präsentierten MSW ein Bild aus dem Alltag, das gleichzeitig Einfachheit und Hypertrophie thematisiert: ein bescheidenes Satteldach-Haus – freilich zehnfach vergrößert. Wände und Dach des vorgeschlagenen Gebäudes hätten aus beweglichen Lamellen mit einer Tiefe von etwa 1,50 m bestanden. Den Innenraum konzipierten die Architekten als Allraum, wobei den einzelnen Möbeln wie Regal oder Tisch entsprechende Funktions­bereiche wie Ausstellung oder Restaurant zugeordnet gewesen wären. MSW wurden immerhin mit dem 1. Ankauf und einer Menge Aufmerksamkeit seitens der Presse für diesen Beitrag belohnt. Die Assoziationen, mit denen das Trio arbeitet, greifen immer wieder weit in die Architekturgeschichte zurück. Der Container ist seit Mies van der Rohes folgenschwerer Empfehlung an seinen Büropartner Hugo Häring, „die Bude einfach groß genug“ zu zeichnen, um alle Nutzungen unterzubringen, das Kennzeichen der Moderne. Der vorgeschlagene WeltausstellungsPavillon erinnert an die Urhütte Vitruvs oder Marc-Antoine Laugiers.

Eine weiterentwickelte Kombination zwischen Container und Inkrustation, also das Überziehen eines weichen, wertvollen Gegenstandes mit einer schützend-schmücken­den Kruste, bildet das Haus Wohlfahrt, das 2005 fertiggestellt wurde. Ein in den 1930er-Jahren errichtetes hölzernes Ferienhaus im Taunusstädtchen Oberursel sollte zugunsten eines größeren Neubaus abgerissen werden, der als Wohnhaus zeitgenössische Platz- und Komfortbedürfnisse einer vier- köpfigen Familie erfüllte. MSW schlugen vor, das Häuschen zu erhalten - und mit einer bauphysikalisch optimierten, größeren Hülle zu erweitern. Somit konnten die Innenräume des Kernhauses mit natürlichem Licht und zusätzlichem Raum versorgt werden. Statt des früheren Satteldaches deckt jetzt ein Flachdach das Gebäude, wobei im ursprünglich kaum zu nutzenden Dachgeschoss großzügige und helle Räume entstanden. Die hinzugefügten Wandteile sind klar zu erkennen. Die alten Fenster wurden belassen. Ihre Formate projizierten die Architekten auf die neue Fassade, die entsprechend perforiert wurde. Die neue in den Farben des angrenzenden Waldes graugrün gestrichene Kruste bewahrt ein historisches Haus und ist gleichzeitig Ausdruck von dessen Aktivierung, so dass es modernen Ansprüchen genügt.

Die Einbindung in die Umgebung vollzieht sich bei MSW vielfältig. Ist es in Oberursel die Farbe, ist es im nächsten Ort, in König-stein, die Dimension: Das Haus Z ist nach dem 2012 fertiggestellten Umbau nun ähnlich groß wie die älteren Villen in der Nachbarschaft. Noch einen Ort weiter, in Kronberg, ist es die gläserne Hülle des Erdgeschosses, die das Haus F (fertiggestellt 2010) zu einem integralen Bestandteil des Gartens macht. Das Haus Schmuck in einem Hinterhof im Frankfurter Westend spielt nicht nur mit den traditionellen Typologien der Hofreite, des Patiohauses und der Villa mit großem Garten, sondern nimmt äußerst differenziert die Raumkanten der Umgebung auf. Auch das Wohnhochhaus Axis in Frankfurt – eine Art „Blockrandhochhaus“ mit unterschiedlichen Amplituden - vermittelt durch Staffelung der Geschosse zwischen dem neuen Europaviertel und dem in der Gründerzeit errichteten Gallusviertel (Baubeginn 2014). Eine andere Art des Einfügens in den Kontext zeigte ihr Entwurf für den Wettbewerb um ein Stadthaus in Frankfurts neuer Altstadt (2009). Im Gegensatz zur Auslobung, die vom „historischen Grundriss“ sprach, griffen MSW die vielfältigen Überlagerungen von fränkischer Königshalle sowie gotischen und barocken Bauten in einem skulpturalen Baukörper auf. Das Preisgericht, eingeknickt aus Furcht vor populistisch-politischen Reaktionen, würdigte diesen subtilen Vorschlag, der ein Bekenntnis zur geschichtlichen Kontinuität des Ortes bedeutete, leider nicht und schied ihn schon in der ersten Runde aus.

Ein Wettbewerbsgewinn dagegen war das Ordnungsamt ebenfalls im Frankfurter Gallus­viertel. Das Flächenprogramm eines mittleren Hochhauses formten die Architekten zu einer 6-geschossigen Gebäudeschleife. Die mehrfachen Krümmungen des eleganten Volumens wiederholen die Kurvenbewegung der nahen Bahn- und Stadtbahngleise im Süden, vermitteln aber gleichzeitig zu der orthogonal geprägten Blockrandbebauung in den anderen Himmelsrichtungen. Die Fassade erstreckt sich auf 300 m Länge, doch die Schlangenform sowie die Entscheidung, die Seiten farb­lich zu differenzieren, mildern die Mächtigkeit des Baus. Es gibt weder Innen-, noch Außenseite, keine Straßen- und keine Hoffront.

Darüber hinaus machen sie das ökonomisch motivierte Stapeln von Funktionsflächen zum baukünstlerischen Thema. Die horizontale Schichtung der Büroetagen, die in der Organisationsstruktur des Amtes verschiedenen Funktionseinheiten entsprechen, erhält ein identifizierbares Bild. Die überall gleiche Höhe der Etagen wird mit Vor- und Rücksprüngen, unterschiedlichen Brüstungs- und Sturzhöhen, verschiedenen Fensterhöhen und vertikalen Sonnenschutzlamellen überspielt. Und in Richtung Westen entsteht der Eindruck, es mit zwei Gebäuden zu tun zu haben. Erst beim Näherkommen erkennt man, dass es sich um ein- und den­selben Komplex handelt, der sich mit einem dezent begrünten Innenhof, der durchaus als Quartiersplatz taugt und ebenso wie die Cafeteria sich dem Stadtviertel und seinen Bewohnern öffnet. Es geht „um eine Aktivierung des Ortes als physisch wahrnehmba­ren Raum, als assoziativen Vorstellungs- und Erfahrungsraum und als funktionalen, so­zialen Raum“, schrieben Claudia Meixner, Florian Schlüter und Martin Wendt einmal. Das Ordnungsamt, errichtet auf einer früheren Brache, wertet das Gallusviertel vielfältig auf, bewahrt einmal mehr die Geschichte des Ortes und bietet einen Treffpunkt für das Quartier – obwohl es eigentlich nur ein simpler Behördenbau ist. Dies gilt in jeweils spezifischer Weise auch für das Lilu, die Dornbuschkirche und die andere Bauwerke des Architekten-Trios. Schön, dass solches Bemühen auch auf internationale Beachtung stößt.

Enrico Santifaller, Frankfurt a.M.

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