Kaderschmiede oder Fortbildungsakademie mit Mehrwert?www.aac-hamburg.de

Das größte Architekturbüro Hamburgs? Richtig, gmp Architekten. Vielleicht sogar das größte in Deutschland. Auf jeden Fall ist gmp so etwas wie eine Instanz, nicht nur im Norden der Republik, auch in Rio de Janeiro, Moskau oder Aachen, in Frankfurt a. M., in Peking, Shanghai, Hanoi … Überhaupt Asien: Hier ist das Büro mit städtebaulichen Herausforderungen konfrontiert, von denen heimische Planer nur (alp)träumen.

Also ist gmp, das sich so klein und demütig hinter den drei Buchstaben g für Gerkan, m für Marg und p für Partner verbirgt, eine Architekturmaschine mit gewaltigem Output und konstanter baulicher wie ästhetischer Qualität. Was manchen langweilt, aber gmp liebt die Handschrift und verweigert sich konsequent belangloser Buntheit.

Nun ja, das ist der Außeneindruck, der nicht unwesentlich durch eine perfekt arbeitenden PR-Maschine auf diesem Niveau gehalten wird, exakt ausbalanciert, mit offensichtlich großem Etat. Hier kommt nun die von Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg 2007 ins Leben gerufenene Stiftung, die wiederum die aac Academy for Architectural Culture stützt, ins Spiel. Deren Gründung erscheint auf den ersten Blick wie die Erweiterung der gerade beschriebenen perfekten PR-Maschinerie. Was sicherlich richtig ist, gleichfalls werden steuerliche Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Schaut man auf das Selbstporträt der Stiftung findet sich nichts, das überraschen würde: Die Academy in der alten Seefahrtschule an der Rainville-terrasse, ganz nahe der Elbe, hat den Zweck „der Förderung und Ausbildung von Studierenden und Absolventen sowie der Forschung auf dem Gebiet der Architektur, Land-schaftsarchitektur und Landschaftspflege im In- und Ausland“.

Aha, nicht bloß Förderung und Ausbildung, auch Forschung soll betrieben werden. Und weil der letzte Workshop das Heftthema „Digitales Bauen“ mit „Parametrik“ spiegelte, machten wir uns gen Norden auf zu einem kleinen Besuch. Neugierig waren wir vor allem darauf, wie denn Forschungsergebnisse auf dem speziellen wie zugleich weiten Feld der Parametrik zur Arbeitsweise von gmp passen, deren Ergebnisse man eher als hanseatisches Statement und weniger als das fuchsteufelswilde Gewoge von Fassaden, Dächern und Räumen, dessen Realisierung nach schnellsten Computerprogrammen verlangt und nach sonst nichts.

Wir sprachen mit Nikolaus Goetze, einem der Partner im Büro und Büroleiter in Hamburg, Shanghai und Hanoi. Darüber, wie die Workshopergebnisse einfließen können in die Arbeit eines höchst professionalisierten Büros. Und auch darüber, was gmp denn mit dem Thema Parametrik anfangen könne, erscheint die Arbeitswelt, erscheinen die Arbeitsergebnisse der Hamburger doch eher diametral dem entgegen gesetzt zu sein, was Zaha Hadid oder Frank Gehry so in den Wind stellen (das komplette Interview mit Nikolaus Goetze von gmp finden Sie unter DBZ.de, Aktuell: „Maßanzugsähnliche Strukturen schaffen“).

Auf die Frage jedenfalls, wo denn die größte Zufriedenheit mit dem Workshop liege, gab der Architekt zur Antwort, dass man tatsächlich die Geschichte der Academie mit Workshops gestartet habe, mit denen sich gmp sicher gefühlt habe. Viele der Workshops hätten die klassische Funktion des (einseitigen) Wissenstransfer gehabt. Doch irgendwann wollte man „mehr in die Forschung“ und an den „Punkten arbeiten, wo auch gmp neugierig ist, wo wir Potential sehen, uns weiterzubilden.“

Das Thema Parametrik war ein solches Forschungsthema und schnell war allen klar, dass es hervorragend zu dem passt, was ein wichtiger, vielleicht der Aspekt im Arbeiten und in den Projekten von gmp selbst ist: die Struktur. Das Gebaute als ganzheitliches System. Und diese Strukturen verlangen nach Parametrik, „weil sie immer komplizierter werden.“ Und weil man aus teuer entwickelten Strukturen auch mal ein zweites Gebäude machen kann, ein drittes gar; „schon aus Gründen der Effizienz“. In dem Workshop, der in enger Zusammenarbeit mit CITA, einem Institut der Königlichen Dänischen Kunstakademie, Fachbereich für Architektur durchgeführt wurde und in dessen Rahmen u. a. der Erfinder und Entwickler von Grasshopper, David Rutten, teilnahm, habe gmp, so Nikolaus Goetze, zum ersten Mal gespürt, „wie dominant das Thema parametrisches Entwerfen für unsere Arbeit war und wie dominant es sein wird in der nächsten Zukunft. Und es ist eben nicht das Tool der Hadids und Co, sondern das Werkzeug, das bei allen Architekturbüros immer mehr Eintritt finden wird.“

Ist die acc also eine Kaderschmiede oder eher eine Fortbildungsakademie mit Mehrwert? Wohl eher Letzteres. Und die Fortbildung bezieht sich auf den Ausbilder wie den Schüler, beide lernen eine ganze Menge.
Be. K.

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