Isch nüd schlächt cho

Wie eine dreifach geschützte Landschaft dennoch gestaltet werden könnte

Die Insel Ufenau – jetzt auch wieder mit der ursprünglichen Bezeichnung „Ufnau“ geschrieben – ist ein Kleinod, vielleicht das Kleinod der Schwyzer Landschaft schlechthin. Im Zürichsee gelegen und – ein Geschenk Otto des Großen – seit mehr als 1 000 Jahren im Besitz des Benediktiner Klosters Einsiedeln, ist das Inselparadies das größte seiner Art in der Schweiz; und ganz sicher das gegen jeden Wandel am besten Geschützte.*

Der hohe Schutzanspruch war nicht jedem klar, nicht einmal den Insel-Eigentümern. Denn die, hier also der Abt des Klosters, Martin Wer­len, wollten 2006 ihre (Ausflugs)Insel für die kommenden Jahrzehnte sichern. Nachdem schon Ende der 90er Jahre der Anleger barrierefrei war, wurden die Ufer befestigt. Man restaurierte die Sakralbauten ­St. Martin und St. Peter und Paul. In zwei weiteren Schritten sollte dann das alte Gasthaus zu den zwei Raben sowie der Stall und verschiedene Zubauten in Angriff genommen werden.

Insbesondere der Neubau des Sommerrestaurants erforderte einen Handwerker, der ein Meister seines Faches war. Das Kloster entschied sich für den Haldensteiner und auch Kirchbaumeister Peter Zumthor, dessen erster Wurf allerdings mehr Gegner fand als Befürworter. Zu groß, zu sehr mitten im Kleinbild der Paradiesminiatur. Zumthor überarbeitete seinen Entwurf, reduzierte die Flächen, die Höhe, zog den Neubau näher an das bereits bestehende Ensemble. Das war im Herbst des vergangenen Jahres 2009.

Der veränderte Entwurf

Der den Einwürfen der Landschafts- und Heimatschützer angepasste Entwurf zeigt jetzt ein deutlich flacheres Holzdach, das einen „Küchenstein“ aus Stampfbeton deckt, an den sich ein transparent verglaster Gastraum (ca. 130 m²) anschließt. Nun zerteilt der Neubau die West-Ost-Ansicht mit den Kirchbauten nicht mehr in der Horizontalen, nun bildet er mit dem Bestand eine neue Hofgruppe. „Isch nüd schlächt cho“, so der Architekt über die zweite Entwurfsfassung. Sein Neubau ersetzt jetzt die Anbauten am barocken Gasthaus. Das wird saniert und dient künftig der Pächterfamilie und Angestellten als Wohnraum. Daneben sind ein Winter-Gastraum und WC-Anlagen für Insel-Besucher geplant. Der Weidestall, in dem heute neben Rindern auch die Kühlgeräte des Restaurants stehen, wird mit Blick auf Tierschutzbestimmungen leicht verbreitert und soll einen Raum für den Weinbau und einen Kühlraum enthalten.

„Ist nicht schlecht so“, aber doch nicht gut genug. Denn natürlich haben die Gegner der Gastronomieaufwertung Recht in ihrer Sorge, der Zumthor-Entwurf könne mehr Touristen auf das fragile Inselchen locken, als diese vertrage. Nicht, dass sie untergehen könnte wie die Insel Aiolis beispielsweise, die vor Sizilien verschwand. Doch die eigentlich positiv bewertete Reduktion der Gastronomiefläche um 10 Prozent könnte das Mehr der Besucher auf die Wiesen, in die fragilen Moorbiotope oder auf die doch recht stillen Kirchvorplätze treiben. Und woran sicherlich auch der Abt nicht dachte (oder doch?): Schon der Architektenname zieht die Massen, das winzige (Lehm)Kapellchen Bruder Klaus, irgendwo versteckt in der unwirtlichen Eifel, lockt Gläubige wie Agnostiker gleich busseweise.

Landschaft braucht Idylle

Worum es beim Projekt Ufenau/Ufnau auch gehen mag (wirtschaftliche, denkmalpflegerische, touristische, realpolitische Machtspiele, regionalpolitische Seilschaften etc.): Wäre nicht die Idylle das Thema, wäre das Geschrei nicht so groß. Denn wirkliche Landschaft braucht Idylle, um wirklich Landschaft zu sein. Mit Blick auf den wachsenden Urban Sprawl (Basel/Zürich), die Verunstaltung der Landschaftsidylle Schweiz durch Gewerbe- und Baugebiete auf den Talflächen, die teils rigorosen Verkehrsprojekte (Nord-Süd-Transit) und natürlich die dem Klimawechsel unterworfenen Veränderungen der Schnee- und Gletschermonumente, alles das heiligt den Rest; das Geschonte, auch Vergessene. Solchen Räumen planerisch mit Computer-Renderings nahezukommen muss scheitern. Also haben die Haldensteiner einen Kunstgriff getan und sich bei der Überarbeitung Elementen der „Paysage intime“ bedient: mildes Licht, Erdtöne in satten Farben, vom Wind verwischte Oberflächen, konzentrierte Perspektiven, manipulative Lichtersetzung ... klassische „Oil on Canvas“-Anmutung. Das Direkte, das ehrlich raue Handwerkliche resultiert aus dem „In der Landschaft sein“ des Künstlers, dessen Bild zum transformierten Seelenzustand vor Landschaft wird. Peter Zumthors Seelenzustand ist der des Geläuterten, er malt und er weiß. Und ganz egal, wie der Streit um Unversehrtheit und Transformation ausgehen wird, der Architekt hat uns ein seltenes Bild geschenkt, eine noch zu rahmende „Paysage intime“, die das „Bestmögliche“ zeigt (Stiftung Landschaftsschutz). Am Ende bleibt aber einfach nur Architektur, und die wird das Insel-Idyll verändern. Be. K.

Weitere Informationen unter www.ufenau.ch, www.ufnau.ch


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