„Ins Projekt hineinbeißen und mit viel Herzblut das Beste geben“www.geis-brantner.de - Deutsche BauZeitschrift


Interview

„Ins Projekt hineinbeißen und mit viel Herzblut das Beste geben“

Interview mit Michael Geis zu den Themen Nachhaltigkeit und Interdisziplinäres Arbeiten

DBZ: Sie haben einmal gesagt: Die Verschmelzung von Gebäude und Natur bei optimaler Nutzung der Gravitation für die Weinbereitung war die entscheidende Grundlage des Entwurfs zum Neubau des Weingutes Franz Keller. Was heißt das genau?

Michael Geis: Durch das Eingraben von zwei Dritteln der Baumasse des Weingutes werden die natürlichen Klima- und Temperaturverhältnisse des Erdreiches für die Weinbereitung genutzt. Hierdurch wird ein sonst erforderlicher hoher Energieaufwand eingespart. Diesen gleichmäßigen Kühlungseffekt gibt es sozusagen „umsonst“. Ab einer Tiefe von etwa drei Metern unter der Oberfläche bleibt die Temperatur des Erdreichs nahezu konstant.

Sie sind hier nicht nur Architekt, sondern auch Landschaftsplaner, Ökologe und vieles mehr. Trotzdem: Welche weiteren Sonderfach-

leute waren beteiligt?

Die Liste der „Spezialisten“, die am Bau des Weingutes mitgewirkt haben, umfasst 23 Büros. Jeder hat seinen Teil zum Gelingen dieser sehr komplexen Bauaufgabe beigetragen. Besonders hervorzuheben ist sicher die Planung der technischen Gebäudeausrüstung, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Aufgabenstellungen zu lösen und zu koordinieren hatte.  
Welche genau?

Das reicht von der Löschwasserversorgung über die Grauwassernutzung, Drainageplanung und Dachbegrünung, Kühlung und Heizung, Lüftung und CO2-Absaugung bis zu Brandschutz und Bauteilaktivierung, Fußbodenheizung und Befeuchtungsanlagen. Das haben wir heute zwar bei vielen Bauaufgaben. Aber ich möchte noch einige Bauwerk spezifische Themen nennen, wie Öl-, Benzin- und Fettabscheider, Weinstein- und Prozesssteuerung.

Ja und aufgrund der hybriden Aufgabenstellung auch noch Beleuchtung und Event-Technik, Überwachungs- und EDV-Technik, und vieles mehr. Eine Herkulesaufgabe, die also nicht nur bei Großbauten wie Berliner Airports relevant sind, sondern auch bei solchen Sonderbauten. Welche Rolle spielt der Architekt in so einem vielstimmigen Konzert: Dirigent, Dompteur, Primus inter Pares?
Da wir als Generalplaner beauftragt waren, lag die gesamte Steuerung und Koordination der verschiedenen Fachdisziplinen in unseren Händen.

Wir waren für alles verantwortlich, und das war nicht wenig. Sogar um die Inneneinrichtung haben wir uns Gedanken gemacht. Um diese vielschichtige Struktur erfolgreich zu steuern und einzusetzen, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung auch mit fachfremden Gebieten. Man muss sich mindestens soweit in die unterschiedlichen Fachgebiete einarbeiten, dass die große Richtung klar ist und man mitreden kann. Nur dann kann man ein Gefühl dafür entwickeln, wer, wann, wo und wie in den Planungsprozess integriert werden muss.

Die Organisation und Abwicklung der Baustelle ist ohnehin eine Sache für sich. Hier braucht man einen erfahrenen und engagierten Projektleiter, den wir zum Glück in unseren Reihen hatten. Auch eine gute Mannschaft bei den Handwerkern ist Voraussetzung für ein erfolgreiches Projekt.

Gibt es einen Aspekt bei der Planung und Erstellung dieses Bauwerks, die wir für in Zukunft vorbildlich im Planungsprozess

halten sollten?

Es gibt keine „Kochrezepte“ für Planung und Durchführung von komplexen Bauvorhaben. Die wichtigsten Punkte sind nach wie vor, einen „guten Bauherrn“ und ein „gutes Planungsteam“ zusammenzubekommen, und sich dann in das Projekt hineinbeißen und mit viel Herzblut das Beste geben.

Was läuft heute bei der Architekturproduktion falsch?

Ich glaube nicht, dass in der Architekturproduktion generell etwas falsch läuft. Es gibt auch und gerade in jüngster Zeit großartige neue Projekte. Wenn Sie die Großbauvorhaben wie Elb-Philharmonie, Hauptstadt-Flughafen oder Stuttgart 21 ansprechen, so liegen hierzu meines Erachtens die Ursachen an anderen Stellen und in anderen Bereichen. Im Vordergrund steht dabei die Politik, die die Weichen für derartige außergewöhnliche und außergewöhnlich große Projekte stellt – oder eben nicht richtig stellt und in der Regel zu Anfang nicht die ganze Wahrheit auspackt…

Das Gespräch führte Dirk Meyhöfer für die DBZ