Historisches Museum Frankfurt

Historisches Museum Frankfurt. Ein Besuch

Der Neubau des Stuttgarter Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei überzeugt vor allem städtebaulich. Und in vielen sorgfältig ausgedachten Details

Bei Historischen Museen denkt man gleich an Fahnen, Ritterrüstungen oder Ackergerät. Vielleicht noch an die Pokalsammlung des Vereins, der den Namen der Stadt über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht hat.

In Frankurt am Main ist das ein wenig anders, hier kann Stadtgeschichte auch über Kunst und Kunsthandwerk, über wertvolle Mechaniken oder einmalige Schmucksammlungen erzählt werden. Die Stadt Frankfurt sei eben, so Arno Lederer, mit dem durch das Haus zu gehen ich das Glück hatte, eine Bürgerstadt. Zu was eine solche Stadtgesellschaft in der Lage ist, zeigte beispielsweise die Bürgerstadt Hamburg mit dem Bau der Elbphilharmonie.

Jetzt aber Frankfurt am Main. Die Stadt verfügt über eines der größten deutschen historischen Museen. Angesiedelt zwischen Römer und Fluss war die baulich sehr heterogene Anlage zu klein geworden, zu verwinkelt, kleinteilig. Das Museum entsprach nicht mehr den Anforderungen, die heute mehr und mehr an solche Häuser gestellt werden: Nicht mehr nur bloß bewahren und in Teilen präsentieren, heute muss immer irgendwie auch Event dazu. Was auch schon mal auf Kosten der Ausstellungsqualität geht. Also auf das, was einmal "Inhalt" hieß.

In Frankfurt wird die Ausstellung im Neubau gerade aufgebaut, Ende des Jahres soll der Museumsbau eröffnet werden, dann wird es sich zeigen, das museologische Konzept. Wie es baulich umgesetzt wird, davon konnten sich Architekt (an der Museologie nicht beteiligt) und Redakteur einen ersten Eindruck verschaffen. Arno Lederer kannte die ersten Aufbauten nur von Fotos, er schien beim Betreten der Räume dem Redakteur ein wenig blass um die Nase ...

Der Neubau, dem der Abriss eines Erweiterungsbau aus den 1970er-Jahren vorangegangen war ("ein hässlicher Betonklotz", so der damalige Kulturdezernent der Stadt, Felix Semmelroth, CDU) ordnet den Stadtgrundriss neu, schärft ihn und stellt alte Wege- und Blickbezüge wieder her. Und schiebt sich, mit dem nördlichen Riegel, der die Ausstellungen aufnimmt, gar in die eigentlich sakrosant gehandelte Blickachse Römer-Rentturm. Damit schließt er allerdings den Römer und schafft zugleich einen kleinen Platz vor dem eigentlichen, dem neuen, den die Architekten zwischen die beiden in Ost-West-Richtung sich streckenden Neubauriegel gesetzt haben. Mit diesem städtebaulichen Akzent gewannen sie am Ende auch den Wettbewerb.

Die beiden Riegel öffnen sich V-förmig in Richtung Westen, womit der Platz auf das einzige tatsächlich echte Fachwerkhaus der Frankfurter Altstadt schaut, das Haus Wertheim. In die andere Richtung fokussiert er ebenfalls auf einen in der Altstadt seltenen Originalbau aus historischen Zeiten: die staufische Königsburg aus dem 13. Jahrhundert. Auf dem Platz, der vom überdachten Eingang mit langer Sitzbank auf der einen Seite und den Ausstellungarkaden am Riegel gegenüber gefasst wird, steht eine Periskop genannte, glolden glänzende Skulptur. Die hat zwei große Fenster, über welche - so jedenfalls die Ursprungsidee der Architekten, Tageslicht in das die beiden oberrirdischen Volumen verbindende zweite Foyer schaufeln sollte. Jetzt wird dort demnächst eine "Schneekugel" genannte Maschinerie eingebaut, die den Hineinschauenden Unterhaltung, dem Raum darunter aber kein Licht mehr geben wird.

Licht braucht es da unten auch nicht, die künstliche Beleuchtung bei Garderoben und WC sind ausreichend. Es hätte schöner werden können: diffuses Tageslicht, das in den Raum hinein fließt und die sich dort Sitzenden zum Weitersitzen auffordert. Raum erfahren, Raum erleben ... das nun eben nicht. Vom Foyer unter dem Platz aus gelangt man in die erste Ausstellungsebene und von hier, über die zentrale Treppen zu jedem weiteren der vier Ausstellungsgeschosse.

Die Treppe wurde als Treppenraum ausgebildet, sie versteht sich als selbstständiges wie zugleich integriertes Bauteil des Ganzen. Der Handlauf - mehrfach geknicktes, gebogenes Blech mit Lichtleiste - ist ein Entwurf der Architekten und so einfach wie einfach schön.

Ganz oben öffnet sich der Raum zur Decke, die die Unterseite des zweifachen Giebeldaches ist, in welches Dachschrägenfenster ein gebaut sind. Die gesamte Raumlänge ist beidseitig über Fensterbänder geöffnet. Auf den Giebelseiten gibt es je einen Erker, der Blicke auf den Main, den Römer, auf die Entstehen begriffene Altstadt und Gärten in Richtung Main bietet. Dass beide Erker nicht in gleicher Weise geöffnet sind, ist einer Rücksichtnahme des Bauherrn auf die anliegenden privaten Balkone o. ä. zu danken. Dass beide über eine im Erkerraum stehende Wand in gleichgroße Räume unterteilt sind, war dann die Idee des Architekten: gute Fenster sollen Ausschnitte vorgeben und nicht mit Beliebkeiten zu oberflächlichem Schauen verleiten.

Dass die Fassade des Erschließungsriegels - mit Büroräumen, Shop, Kasse etc - mit einem Rautenmuster überzogen ist, kann man schnell als einen Bezug auf die schönen 1950er-Jahre-Bauten in unmittelbarer Nachbarschaft sehen: Hier wurde die Raute als Ornament reichlich gebraucht.

Der Bau ist so gut wie fertig, jetzt müssen die Museologen ran. Die sind übrigens, wie auch die Architekten des abgerissenen Erweiterungsbau, nirgends zu finden, die offizielle Baubroschüre der Stadt nennt hier niemanden und ich finde ebenfalls nichts. Im Dezember 2017 dann mehr. Be. K.

Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart