BIM für kleine Architekturbüros – sinnvoll oder viel zu aufwendig?

Fakt ist, dass man BIM wollen mussIm Gespräch mit Torben Wadlinger, graf + partner Architekten

In Deutschland gibt es einen breiten Mittelbau von kleinen Architekturbüros, die jedes Jahr zahllose Bauprojekte erfolgreich planen und realisieren. Und die zunehmend mit BIM konfrontiert werden – sei es durch den Bauherrn oder weil aktuell jeder davon spricht. Diesen Büros kann die digitale Planungsmethode helfen, weiter optimistisch in die Zukunft zu blicken oder sich in ihrer Nische zu behaupten. Torben Wadlinger mit graf + partner Architekten ist ein Beispiel für den erfolgreichen Einsatz von BIM in einem kleinen Architekturbüro.

Herr Wadlinger, die digitale Planungsmethode und BIM finden heute in all Ihren Projek­ten Anwendung. Das ist sehr selten – vor allem für kleinere Büros. Was lief anders bei Ihnen, in den vergangenen Jahren?

Man muss wissen, dass ich vor meiner Zeit bei graf + partner Architekten beim Baukonzern Hochtief gearbeitet habe. Das war direkt nach meinem Studium. In meiner Abteilung beschäftigten wir uns mit der 3D-Mengenermittlung direkt aus der Planungssoftware. Die digitalen Gebäudemodelle, die wir erstellten, waren hoch optimiert für die Ausschreibung. Es war sozusagen ein „Ausschreibungs-BIM“. Wir waren erfolgreich, jedoch wurde die Abteilung nach drei Jahren personell stark reduziert und mit einer anderen zusammengelegt. Für mich ergab sich die Frage: Weitermachen und im Ausland Projekte betreuen oder die Chance nutzen und zu Hause ein eigenes Büro eröffnen? Durch Zufall erfuhr ich vom Architekturbüro Heiner Graf in Frankenthal. Es stand zur Übernahme und hatte in der Region einen guten Namen. 2009 übernahm ich es.

Wie waren die ersten Eindrücke und Erfahrungen? Sie haben ja langjährige Mitarbeiter übernommen. War 3D-Modellieren oder sogar BIM im Büro denn bereits ein Thema?

Nein, überhaupt nicht. Es wurde konventionell mit 2D gearbeitet. Als ich kam, habe ich sofort begonnen die Arbeitsprozesse zu optimieren und die Projekte in 3D aufzusetzen. Ich habe damals sehr viel selbst gezeichnet. Und ich habe jedem gesagt: „Wir stellen um auf 3D-Modellierung und BIM-Planung. Ich unterstütze dich natürlich dabei, es zu erlernen. Aber es wird in jedem Fall passieren.“ Mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Bauzeichner, haben uns anschließend verlassen.

Aber warum das? Das war doch eine große Chance für die Mitarbeiter?

Ja, aber es war auch eine große Umstellung. Schließlich ändern sich Arbeitsabläufe erheblich. Änderungen müssen zuerst im Modell gemacht werden. Das passt nicht zum „mal eben schnell im 2D Frickeln“.

Weniger Leute, das hieß: Ärmel hochkrempeln und selbst anpacken?

Ganz genau. Von 2010 bis 2015 hatten wir eine sehr schwere Zeit. Wir mussten allen erklären, was wir mit BIM tun wollen – unseren Auftraggebern, Bauherrn und Fachplanern – und was BIM ist, wo der Nutzen liegt. Es benötigte auch Zeit, bis intern das nötige Knowhow aufgebaut war und das erste BIM-Projekt wirtschaftlich wurde. Und 2010 brauchte man mehr Kreativität im Umgang mit der Software.

Ab dem wievielten BIM-Projekt war es denn für Sie wirtschaftlich?

Rückblickend ab dem dritten Projekt. Mit den heutigen Softwarelösungen auf jeden Fall ab dem zweiten. Aber Fakt ist, dass man BIM wollen muss. Wir waren anfangs nicht ganz konsequent bei der Einführung. Beispielsweise zeichneten wir lange mit einer anderen Software als heute. Es ergab sich dann 2010 ein Projekt für einen Kindergarten in Franken-thal. Dafür planten wir den Entwurf bis zur Genehmigungsplanung sowie die Werkplanung im Maßstab 1 : 50 mit ArchiCAD, die Detailplanung und Fassadenschnitte jedoch mit unserer alten Lösung. Das war eindeutig eine falsche Entscheidung. Inzwischen arbeiten wir nur noch mit einer BIM-Software.

Woran messen Sie die Wirtschaftlichkeit eines Projekts?

Daran, dass mehr Projekte mit weniger Leuten bearbeitet werden. Und zwar ohne dass Überstunden anfallen. Und natürlich durch die Auswertung der Projektstunden im Bezug auf das Honorar.

Gut ausgebildete Mitarbeiter, die BIM verstehen und vor allem beherrschen, gibt es kaum am Arbeitsmarkt. Und viele sind als Angestellte in den Architekturbüros sehr zufrieden. Woher bekommen Sie Ihren Büro-Nachwuchs?

Wir sind inzwischen wieder Ausbildungsbetrieb. Die Bautechnikausbildung in Deutschland ist gut. Allerdings lernen sie in der Berufsschule nur das Zeichnen in 2D. Wenn unser Azubi dann hier im Büro arbeitet, schimpft er und meint, das Modellieren in 3D ginge viel schneller und effektiver. Da hängt die Ausbildung den Anforderungen hinterher. Auch Architektur-Absolventen der Hochschulen und Universitäten kennen sich mit der digitalen Planungsmethode und BIM kaum aus. Das heißt für uns: Wir müssen sie einlernen. Hier muss sich noch viel tun.

Ihr Büro ist spezialisiert aber dennoch klein. Sie arbeiten vom pfälzischen Frankenthal aus. Wie halten Sie die von Ihnen gut ausgebildeten Mitarbeiter am Standort?

Unsere Projekte sind in der Regel abwechslungsreich und komplex. Das heißt, es wird nicht langweilig. Und wir sind ein familienfreundliches Büro. Ich bin selbst Vater, meine Frau ist ebenfalls Architektin. Wir kennen die Probleme, was Kindergartenschließzeiten, Krankheitsausfall oder Zeitmanagement betrifft. Wir haben flexible Arbeitszeiten und ermöglichen das vernetzte Arbeiten auch vom Homeoffice aus.

Apropos Vernetzung: Wie wichtig ist die technische Ausstattung für den Einsatz von BIM und was benötigt man denn wirklich?

Zu allererst einen guten IT-Techniker (lacht). Mit BIM bewegen wir uns weg vom klassischen Planungsberuf hin zum Informationsmanager. Und wer die Prozesse in seinem Arbeitsablauf optimieren will, der sollte einfach die vorhandenen Funktionen optimal nutzen, die ihm seine BIM-Software liefert. BIM beginnt klein. Ohne teure Server- oder Cloudlösungen. Aber: Je mehr man damit
arbeitet und umso komplexer die Projekte werden, desto mehr muss man seine IT professionalisieren. Man braucht richtige Serverhardware mit virtualisierten Systemen und skalierbare Speicher- und Backupsys­teme. Erst recht ist dies vor dem Hintergrund der neuen DSVGO notwendig.

Was sagen Sie zu den Kollegen, die jetzt in das Thema Digitale Planung mit BIM einsteigen möchten?

Es darf keine „Exit“-Strategie geben. Und man sollte klein anfangen. Das erste Projekt muss „nur“ planerisch erfolgreich sein. Kleine Büros sind hier klar im Vorteil. Und mit der Zeit ist man in der Lage, große Projekte zu stemmen. Aber: Wer nur für sich im stillen Kämmerlein arbeitet, hat verloren. Kommunikation ist das A & O. Man muss sich Verbündete suchen und den Dialog mit denen, die schon tiefer im digitalen Geschehen stecken. Es gibt beispielsweise BIM-AGs in verschiedenen Städten in Deutschland oder die Regionalgruppen des buildingSmart e.V., die jeden Interessierten ernsthaft unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview für die DBZ führte Tim Westphal am 22. Mai 2018 in Frankenthal.

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