Drei Vorstandvorsitzende, zwei Welten

Letzte Überzeugungsversuche gegen den Teilabriss des Stuttgarter Bahnhofs ohne Erfolg

Ein kurzfristig anberaumtes Gespräch zwischen dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Dr. Rüdiger Grube, und den Initiatoren des Zusammentreffens, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung Baukultur, Prof. Michael Braum, sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Prof. Dr. Gottfried Kiesow, konnte die Abrisspläne nicht verhindern. Beide Stiftungen bleiben bei Ihrem Standpunkt: "Stuttgart 21" lässt sich auch mit dem Erhalt des Bonatz Baus realisieren.


Erst vor wenigen Tagen wurde öffentlich bekannt, dass der für November diesen Jahres avisierte Abriss der Seitenflügel des Bonatz Baus schon im August 2010 beginnen soll. Dies geschieht ungeachtet des Widerstands von Peter Dübbers, Enkel von Paul Bonatz, und dem geführten Rechtstreits. Dübbers hat beim Oberlandesgericht Stuttgart Berufung gegen das vor gut einem Monat ergangenen Urteil des Landgerichts eingereicht, das seine Urheberrechtsklage in der ersten Instanz ablehnte.

"Die Verstümmelung des Stuttgarter Hauptbahnhofs durch den Abriss der Seitenflügel ist ein baukultureller Skandal", betonte Prof. Michael Braum, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. "Hier wird ausschließlich aus der Sorge heraus, den Bauablauf zu verzögern, ein für Deutschland einmaliges, international anerkanntes Ensemble der frühen Moderne unwiderruflich zerstört. Jahre konnte man bislang sorgfältig planen und nunmehr scheint es den Verantwortlichen nicht schnell genug gehen zu können".

„Stuttgart 21 ist auch möglich, wenn der Hauptbahnhof stehen bleibt. Das ist uns klar, das ist dem Architekten klar und auch Rüdiger Grube. Letztlich fehlt nur der Wille, noch einmal gegenzusteuern. Dieses Nationaldenkmal darf nicht amputiert werden. Wird der Hauptbahnhof gehalten, könnte die Deutsche Bahn einmal wieder positive Schlagzeilen machen. Stuttgart 21 würde besser und günstiger,“ unterstrich Prof. Dr. Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte sich sehr früh für den Erhalt des Stuttgarter Hauptbahnhofs eingesetzt. Sie gehört zu den ersten Unterzeichnern des Aufrufs der Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart.

Eine der ersten öffentlichen Initiativen der Bundesstiftung Baukultur war 2008 die Aufforderung an die Bahn, den Bund, das Land Baden-Württemberg und die Landeshauptstadt Stuttgart, einer sensibleren, den städtebaulichen Kontext würdigenden Planung den erforderlichen Raum zu geben. "Die von den Akteuren zu verantwortende Kompromisslosigkeit ist um so tragischer, als der Deutschen Bahn – einem der europaweit größten "öffentlichen Bauherren" – eine Vorbildfunktion in Sachen Baukultur zukommt", so Michael Braum. "Hier wird eine Chance vertan, im Herzen Stuttgarts Vergangenheit und Zukunft zu einem Ganzen zu verbinden, indem historische und zeitgenössische Architektur in einen sich gegenseitig respektierenden Zusammenhang gedacht werden".

Der Abriss bedeutet nicht nur einen Affront gegen den Denkmalschutz sondern auch gegenüber dem bürgerschaftlichen Engagement. Die Nichtberücksichtigung der breit gestreuten Widerstände gegen den Abriss der Seitenflügel wird zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung in Sachen Baukultur und Denkmalschutz führen, die bundesweit sehr deutlich zum Ausdruck bringt, dass Baukultur einen Teil ihrer Identität ausmacht. Die Diskussionen in Frankfurt, Braunschweig, Potsdam oder Berlin stehen stellvertretend dafür. Besteht in diesen Städten die Gefahr eines fragwürdigen Rekonstruktionsverständnisses, so wird in Stuttgart nunmehr die Chance vergeben, Geschichte zu bewahren und sie im Original mit dem Neuen in einen überzeugenden Zusammenhang zu setzen.

Die Entscheidung zum Abriss bestätigt einmal mehr die “Risiken und Nebenwirkungen einer Verselbständigung sektoraler Planungsansätze”, wie sie im April diesen Jahres von dem von der Bundesstiftung Baukultur einberufenen Konvent der Baukultur aufgezeigt wurden. Ein solches Planungsverständnis aus dem vergangenen Jahrhundert ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die uns alltäglich prägende Verkehrsinfrastruktur zumeist wenig mit Baukultur zu tun hat. Das Stuttgarter Beispiel reiht sich als das derzeit prominenteste in die Liste derjenigen Verkehrsprojekte ein, die unsere Städte und Landschaften verunstalten.

Das Gespräch zwischen den drei Vorstandvorsitzenden fand am Freitag, 23. Juli 2010 in Frankfurt am Main statt. (Quelle: Pressemitteilung der Bundesstiftung Baukultur vom 26. Juli 2010)



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