Die „neue Authentizität“

Berlin geht seinen Weg weiter Richtung Residenzhauptstadt

Gut ein halbe Milliarde Euro soll die Schlosskopie uns alle kosten, am Ende wahrscheinlich das Doppelte. Doch was solls, in Zeiten, in denen mit Milliardengeschenken retttungslos rückständige Großindustrien am Sterben gehindert werden und ein nationaler Konsens in rezessiven Zeiten nationale Pflicht ist, kommt ein Märchenschloss made in Italy dem Biedersinn gerade recht. Die deutsche Republik hat, zwanzig Jahre nach ihrem Neustart, auch mit ihrem demnächst auf alt gemachten Herzen wieder einmal mutlos Vorsprung verschenkt und auf Zukunft verzichtet.

Als Freitagnachmittag, am 28. November im Berliner Kronprinzenpalais ein brauner Pappkarton von Ministerhänden in die Höhe gehoben wurde und unter Blitzlichtgewitter eine Sensation zur eigentlich erwartbaren Solidität schrumpfte, endete in Wuppertal ein Symposium mit dem sprechenden Titel „Der ungezügelte Blick auf die Stadt – Stadtwahrnehmung und Stadtästhetik im 20. und 21. Jahrhundert.“ Hier fand sich ein Beitrag des Kunst- und Kul­turwissenschaftlers Prof. Dr. Michael Müller, dessen Thesen man den schlosssehnsüchtigen deutschen Volksvertretern ein paar Jahre zuvor gerne nähergebracht hätte. Müller formulierte in seinem Beitrag „Die gesuchte Befriedigung am bloßen Se­hen“ den zentralen Stellenwert der touristischen Wahrnehmung von Städten: Erst in der Differenzwahrnehmung (hier Heimatstadt, dort die in der Fremde) offenbaren sich dem Stadtbewohner die Eigenarten des schon Bekannten ebenso wie des Nochniegesehenen. Anders gesagt, die Verschleifung des Einmaligen im alltäglichen Anblicken des scheinbar Banalen kann in der Kontrastierung des Bekannten mit dem ganz gewiss Unbekannten in ein wieder geschärftes Bild vom Eigentlichen rückgeführt werden. Die Differenzwahrnehmung erreicht auch ein Weiteres: Mit einem Mal erkennt der Betrachter das Authentische des jeweiligen Ortes und damit die ihm innenliegende Würde; vorausgesetzt, der Betrachter weiß mehr, als er sieht.

Stella: Ich bin der bekannteste Unbekannte

Zurück nach Berlin. Der Karton wurde vom Minister über seinen Staatssekretär nach hinten durchgereicht, der Siegerentwurf des vom Auslober/Bauherren Bundesrepublik Deutschland umständlich betitelten Architekturwettbewerb „Wiedererrichtung des Berliner Schlosses – Bau des Humboldt-Forums im Schlossareal Berlin“ war tatsächlich von dem Architekten, dessen Namen schon vor dem Akt der Enthüllung im Treppenhaus getuschelt wurde: Der Italiener Franco Stella darf es bauen. Das Holzmodell zeigt: ein Schloss, das Schloss. Hatte jemand ernsthaft etwas anderes erwartet? Dem Presseandrang nach zu urteilen: ja. Der wahnsinnigen Anspannung in den Gesichtern vor dem Kartonablug nach zu urteilen: ja.

Aber wie hätte er denn!? Der Entwurf war – bis auf die bald nach der Pressekonferenz schon als wesentlich bejubelten Details – natürlich längst allen bekannt, schließlich hatte sich Stella an die Wettbewerbsvorgaben gehalten. Und die wollten das eine Schloss. Und so rissen die bereits schon unter den langsam sich hebenden Karton schießenden Blitze eine Rekonstruktion aus dem Halbdunkel, eine Augenwischerei, den kleinsten gemeinsame Nenner im Streit über das, was demnächst die Mitte einer ehemaligen und demnächst bald wieder Residenzhauptstadt füllen soll. Wer dem angestrengt strahlenden Minister Tiefensee gegenübersaß, sah nur das, was er schon längst und immer wieder gesehen hatte: monotone barocke Fassaden, aufgelockert allein durch starkplastische Portale. Und eine Kuppel auf dem Westflügel. In dem dahinter liegenden Hof zwei kubengleiche Volumen, welche dem eklatanten Raummangel im neohistorischen Gemäuer die nötige Entlastung liefern sollen (Mitbewerber gingen hier unter die Erde). Die in den Wettbewerbsvorgaben freigestellte Gestaltung der Ost-seite – die erstens für nicht so hochwertig angesehen wird und gleichzeitig, wegen ihres verbauten Zustandes zum Zeitpunkt ihrer Sprenung 1950, nur schwer re­konstruierbar erscheint – löste der, wie er sich selbst in ersten Interviews nannte, bekannteste Unbekannte aus Vicenza mit einer Fassade im Stile des Rationalisten Guiseppe Terragni: öffentlich zugängliche, monumentale Loggienbögen über die ganze Schlossbreite sollen das Volk in eine geeignete Aussichtshöhe ziehen; zum Flanieren einladen mit Ausblicken auf das, was noch von der DDR-Stadtgeschichte rund um den Alex zunächst übrig bleibt.
 

Deutlich eine nationale Sache

Dass sich die Jury gestritten habe, gab derjenige, der den Vorsitz innehatte, Vittorio Magnago Lampugnani, freimütig zu; wie sollte er auch anders, die Presse war in den Tagen vor dem dann einstimmigen Juryentscheid (15 : 0) voll mit Kritiken einiger Juroren am rigiden Beschluss des Deutschen Bundestages zum Schosswiederaufbau. Dass sie alle „viel gelernt“ hätten, darf man glauben, allerdings eher im Sinne von „um persönliche Erfah-run­gen reicher“ denn in einem akademisch fachlichen Sinne. Wie sonst könnte sich Lampugnani dazu hinreißen lassen, die gediegene Langeweile, die Stella hier vor und hinter seiner Tapetenarchitektur ausbreitet, ein „mutiges Projekt“ zu nennen, das zudem eine „etwas frechere, modernere spannendere Tradition fortführt.“ Meinte er etwa tatsächlich damit den für die Moderne neuentdeckten Terragni, über dessen Werk man erst wieder seit einiger Zeit positiv sprechen darf, nachdem man ihm zuvor faschistisch heroisches Stilvokabular vorwerfen musste?


Boykott-Aufruf in der DBZ

Dass die meisten Einreicher zum Wettbewerb aus Deutschland und hier aus Berlin kommen, spricht gegen den Erfolg eines Aufrufes in der DBZ, den Wettbewerb zu boykottieren; von den 85 Büros, die einreichten, kamen gerade mal 17 aus dem Ausland. Dass es nur 85 waren – das Ministerium sprach von vielen hunderten, die sich beteiligen würden am zur Zeit wichtigsten Wettbewerb in Deutschland – spricht gegen die Attraktivität, im engen Vorgabenkorsett kreativ zu werden. Dass dieses Korsett zudem eine Laientruppe aus einem offenbar den Verstand überwältigenden Gefühl von Heimat- und Geschichtssehnsucht heraus geschnürt hatte, machte den Wettbewerb deutlich zur nationalen Sache. Dass sich auf dem dritten Platz – ein zweiter wurde nicht vergeben – dann die üblichen (meist Berliner) Verdächtigen versammeln, macht noch einmal deutlich, wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen soll: ins Restaurative (dritter Platz für Hans Kollhoff, Jan Kleihues, Christoph Mäckler, Eccheli e Campagnola, Verona. Ankäufe für nps Tchoban Voss und Reimar Herbst, beide Berlin).

Immerhin: Es gibt eine Art Gegenentwurf

Immerhin gab es mit dem Entwurf von Kuehn Malvezzi, ebenfalls Berlin – welchem die Jury in einem Akt von Rehabilitation der unterlegenen internen Kritiker einen Sonderpreis verlieh, dessen Dotierung (60 000 €) das Doppelte der auf die Plätze Verwiesenen war –, eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre, wenn man die Besten der Besten wirklich hätte machen lassen. Insbesondere ihr ironischer wie zugleich die Denkmalstrategien klug reflektierender Umgang mit der Fassadenrekonstruktion hätte der Schlüssel sein können, der der endlosen und noch bis zur Eröffnung des Schlosses oder Humboldt-Forums 2013, 2014 oder 2018 andauernden, polemisch geführten Debatte über Rekon­struktion und Geschichtsfälschung die einende Weiche hätte stellen können. Wir hätten bekommen einen Bau als Work-in-Progress, als Sinnbild und fabelhaftes Anschauungsmaterial für die Dynamiken von Geschichte, als Zeichen einer geschickten Moratoriumsstrategie, wie sie das der Pressekonferenz ferngebliebene Jurymitglied David Chipperfield in den letzten Monaten erst laut, dann nur noch hinter vorgehaltener Hand forderte; alles das boten uns die sondergepriesenen Architekten Kuehn Malvezzi an. Und tatsächlich könnten unsere Stellvertreter unsere Auffassung in der Abstimmung über den endgültigen Entwurf in den zuständigen Ausschüssen des Bundestages zumindest berücksichtigen. Doch sicher sind die Damen und Herren und Staatsdiener am Ende mehr von der fantasielos replizierten Kuppel bei Stella fasziniert als von dem Versuch von Kuehn Malvezzi, dem späteren, unwissenden Betrachter der Reanimation die nötigen Informationen vor Augen zu stellen, die es ihm erlauben, die „neue Authentizität“ der Kopie als solche auch zu erkennen. Gebaute Beispiele in Frank­furt am Main oder anderswo zeigen, dass das Gedächtnis ein mildes, also unzuver­lässliches sein kann, wenn es das sein soll aus Gründen der Bequemlichkeit und harmonisierender Gefühlsduselei im Gute-alte-Zeiten-Kleid.


Wie ein abgebrühter Spieler

Preußens Glanz und Gloria, repräsentiert im äußerlichen Nachbau des Hohenzollernschlosses, gefüllt mit Sammlungsgegenständen, deren Herkunft nicht selten ungewiss, deren Besitz, zumindest was seine Legimität angeht, nicht immer zweifelsfrei ist … Selbst die noch immer nationalstolz marschieren­den Franzosen haben da ihrer Stadt Paris, ihren Bürgern und uns Touristen etwas wesentlich frecheres, moderneres und spannenderes gegönnt: Das einstmal beschimpf-te, dann gefeierte und nun mehr und mehr angefeindete Centre George Pompidou. Solche Bauten schreiben Geschichte weiter und versorgen uns mit dem Material, das uns erwachsen werden lässt in der Welt, die zunehmend auf „neue Authentizität“ setzt wie ein abgebrühter Spieler sein ganzes Geld auf ein schlechtes Blatt. Der „neuen Authentizität“ fehlt die nötige Substanz, die ein Altern möglich macht. Die natürliche Synchronizität im Alterungsprozess zwischen Material und Geschichte ist hier derartig gestört, dass ein würdevolles Altern unmöglich ist. Der Anschein vom 18. Jahrhundert ist seinem tatsächlichen Alter um 200 Jahre hinterher. Der Widerspruch zwischen wirklichem und schein­barem Alter wird die Kopie eines Tages auseinander reißen. Be. K.


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