Die Villa Katsura

Wie westliche Augen auf japanische Architektur blicken. Eine Ausstellung

Von Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor, Berlin

Das Bauhaus-Archiv in Berlin präsentiert noch bis zum 12. März eine Schau von 80 s/w-Fotografien der kaiserlichen Villa Katsura, die im japanischen Kyoto steht. Die Architekturikone, die in der westlichen Hemisphäre wohl als eines der bekanntesten Beispiele für japanische Architektur gilt, wurde von Ishimoto Yasuhiro in Szene gesetzt. Der japanisch-amerikanische Fotograf, der im letzten Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, bekam als einer von ganz wenigen Auserwählten 1954 die Erlaubnis hierzu und brachte mit Kommentaren von Walter Gropius und Kenzo Tange sechs Jahre später sein bekanntes Fotobuch heraus.

Als Landsitz konzipiert, wurde das Ensemble 1620 begonnen und in drei Bauabschnitten rund 30 Jahre später vollendet. Ins weltweite Architekturgedächtnis eingebrannt hat sich Katsura seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, galt doch der japanische Wille zu Abstraktion, Modul, Maß und Raster als vorbildhaft für die Standardisierung, Vorfertigung, Effizienz und Einfachheit modernen Bauens. Auch der Begriff des Funktionalismus wird dort gefunden, wie man z.B. in „Architekturlehre“ von Bruno Taut aus den 1930er Jahren nachlesen kann: „In Katsura kann man wirklich sagen: Was gut funktioniert, sieht gut aus“.

Taut war einer der ersten deutschen Protagonisten jener Zeit, der mit den japanischen Bautraditionen vertraut war und ihnen höchsten Respekt zollte. Er lebte einige Jahre in Japan und verarbeitete seine Erfahrungen und Studien u.a. in den Texten „Nippon mit europäischen Augen gesehen“, „Das japanische Haus und sein Leben“ oder „Architekturlehre“. Es wird im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung auch einen Vortrag des Taut-Spezialisten Manfred Speidel geben.

Auffällig ist an den Motiven, dass Ishimoto ausschließlich schwarz-weiß fotografiert hat. Ferner konzentrierte er sich primär auf Ausschnitte und Details der Gebäude und schien daran interessiert zu sein, die Grenzen von Gestaltung bis an den Punkt auszuloten, an dem Ordnung quasi ästhetisiert wird. Ferner sind die Bilder streng durchkonstruiert und folgen damit dem Palastthema, das sich in dem Willen zur Abstraktion zeigt.

In einem eigentümlichen ‚Stillstellen‘ werden die räumliche Struktur und umgebende Natur geradezu zelebriert. Es ist, als hielten die Bilder den Atem an. Auch Walter Gropius hatte in seinem Beitrag „Architecture in Japan“ von 1960 diese Art von kunstgeschwängerter Zeitlosigkeit bemerkt und Katsura als: „balaced container for beautiful living“ bezeichnet, der mit seiner Umgebung eine homogene wie integrierte, räumliche Einheit bildet: „Space, here the only medium of artistic creation, appears to be magically floating“.

Einem bestimmten Stil lässt sich die Villa Katsura nicht zuordnen. Es scheint sich also eher um einen Sonderfall der Baugeschichte zu handeln, als um ein typisches Beispiel der japanischen Architektur. Außerdem wird in der Ausstellung deutlich, dass ihr bekanntester visueller Chronist seine Bilder sorgsam inszenierte und z.B. sämtliche Störfaktoren ausblendete. Ist sein besonderer Blick angemessen und dient dazu, den Geist von Katsura einzufangen oder erliegen die Betrachter dessen Konstruktivität?

Was sehen wir also? Tatsächlich lassen sich Strukturverwandtschaften z.B. zu Bildern von Mondrian deutlich in manchen Motiven ausmachen. Ishimotos Sozialisation in seinem Geburtsland USA und seine künstlerischen Prägungen, die er während des Studiums beim Chicagoer „Institute of Design“ (dem Nachfolger von Lázló Moholy-Nagys New Bauhaus) erfahren hat, könnten ihr Übriges getan haben, mit westlichen Schablonen ein reduziertes Idealbild japanischer Architektur ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben zu haben.

Für den geneigten Leser dieser Besprechung, der sich eine andere und weniger konstruierte Perspektive auf Katsura ansehen will, sei hier ein Video verlinkt, das in Farbe daherkommt und alle üblichen Störkonturen (Geräusche, Bewegung, Menschen im Blickfeld etc.) hat.

Bislang scheint die Rezeption von Katsura um die Entdeckung der Modernität eines vierhundert Jahre alten Gebäudeensembles zu kreisen. Was wäre aber, sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wie es gelingen kann, in Architektur (und auch Fotos) die Balance zu finden zwischen der Unordnung der Natur und der Ordnung der Struktur? Wie erschafft man diese unharmonische Harmonie?

Ist es denn nicht die eigentliche Botschaft der japanischen (Bau-) Kultur, in das Zwischen von Etwas und Nichts zu gelangen und an dessen gesättigter Atmosphäre teilzuhaben? Ein Zwischen, wie es Bruno Taut 1934 in „Gedanken nach einem Besuch in Katsura“ folgendermaßen niederschrieb: „Die Musik des Baus in allen Teilen brüderlich und so wie von unsichtbaren Musikern“.





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