Brückenbau zum Horizont

Bei Madrid entstand die Villa Hemeroscopium aus überdimensionalen Tragwerkselementen. Arrangiert wie bei einem Mobile wird hier die Balance der massiven Bauteile fragil inszeniert.

In der griechischen Mythologie bezeichnet der Begriff Hemeroscopium den Ort, wo die Sonne bei ihrem Untergang auf die Erde sinkt. Ein Ort letztendlich so illusionär, wie das Ende des Regenbogens.

Der Architekt Antón García Abril hält deren jeweilige Existenz trotzdem für real. Er ist der Erbauer der gleichnamigen Villa in Las Rozas, einem Villenvorort nordwestlich von Madrid. Der Planer schränkt nur ein, dass sich dieser Berührungspunkt, der mit einem Fernglas durchaus definierbar wäre, stetig verändert und unmittelbar von dem tatsächlichem Standort des jeweiligen Betrachters abhängig ist. Analog dazu hat er das logische Begreifen des Wohnhauses für jede Blickposition unterschiedlich angelegt, auch strebt er eine Sichtbeziehung mit dem Horizont an.


Konstruktion aus Fertigteilen

In nur sieben Tagen ist der Rohbau errichtet worden. Die wenigen Bauteile bestehen durchweg aus geschosshohen Betonfertigteilelementen. Aufgrund ihrer überdimensionalen Größe haben sie gleich noch eine zweite Funktion: jeweils die einer Außenwand. Auch alle Decken sind aus vorgefertigtem Beton.

Über das komplexe Arrangement von Fertigteilen des großkalibrigen Ingenieurbaus werden verschiedene kleine Höfe und Plateaus in und um das Gebäude definiert. Bewusst wurde darauf geachtet, dass die über 2,50 m hohen Träger niemals flächig auf einem anderen Bauteil oder auf dem Boden aufliegen, sondern dass deren Last und deren Eigenmasse über so wenig Punkte wie möglich nach unten abgeführt werden. Den statischen Höhepunkt des Entwurfes bildet ein 19 t schwerer Schlussstein, der zugleich auch der höchste Punkt des Ensembles ist. Es ist ein massiver Granitblock, dessen Gewicht den zentralen Doppel-T-Träger schaukelartig belastet und dadurch die gegenüberliegende Gebäudeecke dauerhaft in der Schwebe hält.
Nähert man sich dem Gebäude von der Wohnstraße aus, die an dem Grundstück vorbeiführt, fällt ein gut 20 m langer U-Träger auf, der weit vorragt. Er dient als Swimmingpool zum Bahnen schwimmen. Der Pool überspannt einen intimen Patio, von dem aus der Zugang nach innen erfolgt, in dem sich aber auch noch ein zweiter, weniger sportiver Pool findet.
Während die Anordnung der immensen Tragkonstruktion auf einem quadratischen Grundriss basiert, füllt der tatsächlich umbaute Raum nur den nordwestlichen Winkel der Figur aus. In diese Richtung hin fällt auch das Gelände deutlich ab und offenbart die besondere Qualität des Grundstückes: Einen unverbauten Blick auf die nahen Gebirgszüge Sierra de Gredos und Sierra Guadarrama und Somosierra. Markante Fensterrahmen begrenzen das Panorama nicht. Die jeweils über das gesamte Geschoss gespannte Verglasung wird lediglich durch dezente Profile fixiert. Eine Ausnahme bildet die Nordseite. Hier wurde ein Vierendeelträger aus Stahl verbaut, dessen diagonalfreie Verstebungen eine homogene Verglasung ermöglichten. Soviel Masse hat natürlich auch ihr Gewicht: Insgesamt wurden 60 t Stahlbeton und 12 t Baustahl verbaut.
Bei seinen Entwürfen geht es García Abril bewusst um die skulpturale Ästhetik des Banalen. Er hat hier ausschließlich Elemente verwendet, wie sie sonst nur bei Brücken oder bei großen Industriehallen verwendet werden. Ihre ästhetische Qualität gewinnen diese hier allein durch ihren überraschenden Einsatz und ihr statisches Zusammenspiel, womit diese – definitiv nicht nur optisch – spannungsreich in Beziehung gesetzt werden. Robert Mehl, Aachen


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