Baulücke nachverdichtet

Baulücke nachverdichtet

Wohnhaus Skinny-SCAR, Rotterdam

Viel Geduld zeigte das junge Architektenpaar Gwendolyn Huisman und Marijn Boterman mit der Gemeinde Rotterdam und den bürokratischen Hürden, bis sie endlich eine 3,70 m breite Baulücke in einer Häuserzeile aus dem späten 19. Jahrhundert schließen durften.

Rotterdam ist eine Stadt mit viel architektonischem Potential. Auch wenn in letzter Zeit in den Medien vor allem über spektakuläre neue Architekturikonen, wie den Hauptbahnhof oder die Markthalle, berichtet wird, gibt es in der Hafenstadt, deren Zentrum im Krieg vollständig zerstört wurde, noch immer zahlreiche Problemzonen, vergessene Rückseiten, urbane Brüche und Lücken. Eine solche Lücke klaffte bis vor kurzem auch in einer alten Häuserzeile im Stadtteil Oude Noorden. Groß war sie nicht: ganze 3,70 m breit, aber dafür 20 m tief. Vermutlich stand dort einmal ein dreigeschossiges Haus im selben Stil wie die Nachbarhäuser zur Linken, deren Achsmaß auch nicht größer ist und die allesamt Probleme mit dem Fundament und Versackungen haben. Da es im Stadtarchiv einmal gebrannt hat, sind über diese Häuserzeilen keine Dokumente erhalten. Fest steht nur, dass die hinter einem Bretterzaun versteckte Lücke seit den 1980er-Jahren unbebaut war – bis das junge Architektenpaar Gwendolyn Huisman und Marijn Boterman sie entdeckte.

Bauregeln

Boterman arbeitete damals beim Rotterdamer Architekturbüro JagerJanssen, das schon 2007 eine städtebauliche Studie zum Potential von Lücken und dem Heilen urbaner Wunden entwickelt hatte. Insgesamt identifizierten und untersuchten die Architekten 27 Orte im Norden von Rotterdam, zu denen auch die Baulücke in der Schoonoordstraat gehörte. Da die Bauregeln der Stadt eine minimale Breite von 4,50 m für Wohnungsneubauten vorschrieben, kam sie für eine Wohnbebauung eigentlich nicht in Frage. Rogier Janssen machte dennoch einen Entwurf für ein Wohnhaus, in dem er selber wohnen wollte. Im Grunde fand die Gemeinde Rotterdam den Vorschlag überzeugend, aber die Baugenehmigung ließ auf sich warten und Janssen kaufte schließlich eine andere Wohnung. Immerhin hatte sein Entwurf aber zur Folge, dass die Bauregeln hinsichtlich der minimalen Wohnungsbreite flexibilisiert wurden. Denn die Stadt Rotterdam zeigt sich kooperativ und will genau solche Initiativen eigentlich fördern: So gibt es zum Beispiel ein von der Gemeinde initiiertes Programm namens „Klein und Fein“, das kleinmaßstäbliches Lückenfüllen in der Innenstadt zum Ziel hat – mit dem doppelten Nutzen einer Nachverdichtung ohne Abriss und einer Gentrifizierung ohne Verdrängung.

Hartnäckig und umsichtig

2012 beschlossen Marijn Boterman und Gwendolyn Huisman deshalb, es noch einmal mit demselben Grundstück zu probieren. Rogier Janssen half ihnen dabei. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis alle bürokratischen Hürden überwunden waren und sie endlich einen Kaufvertrag unterschreiben konnten für das Baugrundstück, das eigentlich gar keines war. Im Juli 2015 reichten sie den Bauantrag ein. Um Konflikte zu vermeiden, hatten die Architekten ihren Entwurf zuvor bereits der Nachbarschaft präsentiert. Anfang 2016 war Skinny-SCAR nach nur vier Monaten Bauzeit fertig gestellt.

Von Offenheit und Verdichtung

Das in die Lücke geschobene Haus präsentiert sich als gestapelte, offene Raumlandschaft ohne Zimmertüren oder Flure. Bei einer Nettobreite von nur 3,35 m bietet es maximale Transparenz, aber auch die nötige Privatsphäre und fühlt sich innen erstaunlich großzügig an. Im Erdgeschoss befindet sich auf der Straßenseite die Garderobe, auf der Gartenseite die Küche, die sich über geschosshohe Falttüren zum Garten öffnet. Der Bereich vor der Küche ist offiziell privater Außenraum, geht aber – wie fast alle umliegenden Gärten – zaunlos in den kollektiven Garten im Inneren des Stadtblocks über. Im ersten Obergeschoss liegen die zur Straße orientierte Bibliothek mit einem Sitzplatz im tiefen Erkerfenster und der zum Garten orientierte Wohnbereich, dessen Bodenplatte 1,50 m vor der Fassade endet. Im so entstehenden Luftraum ist ein Netz gespannt, das als Hängematte mit Gartenblick dient. Schlaf- und Gästezimmer (ebenfalls mit Erkerfens-ter) finden sich schließlich im zweiten Obergeschoss, wo auch das völlig im Raum aufgelöste Badezimmer liegt. Es besteht aus einer Dusche hinter einer Glaswand neben dem Bett und einer Badewannennische unter einem Oberlicht. Eine steile Treppe führt auf das Dach und bietet, wenn nötig, Zugang zu einem Sonnenkollektor und drei Solarpaneelen. Die Materialisierung der Wohngeschosse beschränkt sich auf einen grauen Fließ-estrich auf dem Boden und Betonwände, wobei die Unterseite der Bodenplatten unbehandelt geblieben ist.

Damit die Räume möglichst unverstellt bleiben konnten, sind alle Nebenfunktionen und Installationen in einem mit Multiplexplatten verschalten Kern in der Hausmitte untergebracht, an dem die aus Transparenzgründen offene Treppe entlangführt und den sie im obersten Geschoss durchkreuzt. Garderobe, Küche, Bücherregale, Kleiderschrank, Badewanne und sonstiger Stauraum sind in und um den Kern angesiedelt. Jeder Quadratzentimeter wird genutzt – „wie in einem Wohnwagen“, sagt Gwendolyn Huisman. Auch zwei parallele Betonscheiben, die zur Aussteifung des Hauses dienen, befinden sich in diesem Kern. Sie tragen die Lasten auf das Fundament ab: einen 80 cm dicken Betonboden, der auf 14 jeweils 24 m langen Pfählen ruht. Das massive Fundament war notwendig, weil das sehr hohe, schmale Haus rechnerisch allen Windlasten auch ohne Unterstützung der Nachbarbauten standhalten muss. Zum Teil wurden die neuen Pfähle nur 50 cm entfernt von den Nachbarhäusern in den Boden gerammt, was dem Bauunternehmer angesichts der Versackungen in der Nachbarschaft durchaus Sorgen bereitete. Um böse Überraschungen zu vermeiden, ließen Boterman und Huisman die beiden Nachbarbauten vor Baubeginn bautechnisch untersuchen und alle bestehenden Risse kartieren.

Richtlinien und ihre Umgehung

Zwischen den bescheidenen Mietshäusern aus dem späten 19. Jahrhundert steht nun ein deutlich moderner Lückenfüller, der sich dennoch in die Reihe einfügt. Die Fassaden sind mit einem schrundigen, tief dunkelbraunen Backstein mit weit zurückliegenden Fugen verkleidet. Auf der Gartenseite bilden einzelne hervorstehende Steine ein Pixelmuster auf der Fassade. Auf der Straßenseite schafft eine Zierleiste unter dem Dachrand den Bezug zu den Ornamenten der historischen Nachbarhäuser. Dank ihrer schmalen, tiefen Metallrahmen wirken die zwei leicht auskragenden Erkerfenster wie durch die Fassade gesteckt. Die drei weiteren Fenster werden erst abends, wenn im Haus die Lichter angehen, wirklich sichtbar, denn sie verstecken sich hinter offenem Mauerwerksverband. Damit mogelten die Architekten sich geschickt um eine Richtlinie des Gestaltungsbeirats herum, die in dieser Straße je zwei hochformatige Fensteröffnungen pro Geschoss fordert, und schufen eine relativ geschlossene Straßenfassade, während die Gartenfassade so offen wie möglich gestaltet wurde.

Fazit

Insgesamt haben Boterman und Huisman ganze 300 000 € in das Haus investiert, wovon 26 500 € auf das Grundstück entfielen. Obwohl sie es in erster Linie für sich selber gebaut haben, sehen sie das Identifizieren und Füllen solcher „unmöglicher“ Lücken generell als sinnvolle städtebauliche Strategie. Den Nachbarn haben sie einen Gefallen getan, denn durch das Einfügen ihres Hauses sind deren Seitenfassaden endlich isoliert. „Und wieso sollte man Platz für Neubauviertel verschwenden, wenn in der Stadt noch genügend Raum vorhanden ist?“, meint Boterman. Obendrein erfordern solche Verdichtungsprojekte zwangsläufig einen kreativen Umgang mit Raum-einteilung und Grundrissen, so dass keine Massenware, sondern individuelle Lösungen mit größeren architektonischen Qualitäten entstehen. Wollen die beiden also mehr Häuser nach diesem Prinzip bauen? „Wenn jemand anklopft, sagen wir nicht nein“, sagt Boterman und Huisman fügt hinzu: „Es juckt uns schon ein bisschen in den Fingern.“Anneke Bokern, Amsterdam

1 Eingang
2 Abstellraum
3 WC
4 Technikraum
5 Küche
6 Lesezimmer
7 Technikraum
8 Wohnzimmer