Aufgeladen mit tausenden Biografien

Im Gespräch mit Stefan Forster, Forster Architekten, Frankfurt a. M.

Mit einer Ausstellung über die Bauten von Ferdinand Kramer im DAM kommen nicht bloß die in Frankfurt noch zahlreich vorhandenden Bauten des ehemaligen Baudirektors der Goethe-Universität ins Gespräch. Es stellt sich ganz allgemein die Frage, wie mit dem Bauerbe umgehen? Ein Beispiel dafür ist der Umbau des Philosophicums von Kramer in ein Studentenwohnheim. Dessen Architekt, Stefan Forster, und die Projektleiterin, Nina Bölinger, trafen wir auf der Baustelle, machten einen Rundgang und stellten im Anschluss ein paar Fragen – auch nach Quadratmeterpreisen.

Lieber Stefan Forster: Muss man, wenn man das berühmt berüchtigte Philosophicum umnutzt, umbaut, saniert, ein Kramer-Fan sein?

Stefan Forster: Ich war ja ursprünglich kein Kramer-Fan, ich kannte seine Gebäude kaum. Anfangs habe ich sogar für den Abriss plädiert. Als ich mit dem Umbau beauftragt wurde, habe ich mich mit dem Mann und seinem Werk intensiv beschäftigt. Das fand ich für mich sehr bereichernd. Bin ich deshalb ein Kramer-Kenner geworden? Vielleicht, ein Fan sicher nicht, ich stehe dem Werk Ferdinand Kramers durchaus kritisch gegenüber.

Also ein Kenner. Muss man das nicht auch sein, um das Authentische zu erhalten?

Zunächst einmal kann man ja jedes Bürogebäude in ein Wohngebäude umbauen. Beim Philosophicum geht es aber schon darum, tiefer in seine Geschichte, die Besonderheiten der Konstruktion, die Materialien etc. einzusteigen. Man muss das Ganze im Detail verstehen. Erst dann kann man wohl mit Erfolg daran arbeiten, wie das Eigene, die Seele eines solchen Baus, mit den heutigen Anforderungen zusammengehen kann, ohne dass sie dabei verloren geht. Hier ist die Originalfassade natürlich eines der wichtigsten Bestandselemente. Wir haben nach vielen Versuchen, das Original irgendwie zu retten, feststellen müssen, dass ein Erhalt unmöglich ist.

Wie hat sich der Denkmalschutz verhalten?

Wir hatten von Anfang an einen sehr guten Kontakt zur Denkmalschutzbehörde. Von dort kam auch der Wunsch, die Fassade zu sanieren, zu restaurieren und zu ertüchtigen. Man hat aber eingesehen, dass die Originalfassade nicht zu halten ist. Wir werden zwei oder drei Felder im Original erhalten, um zu zeigen, wie sie aussah. Nach unserem Umbau des Originals in ein zeitgenössisches Studentenwohnheim wird man von außen nicht erkennen können, dass die Fassade insgesamt neu ist.

Was befindet sich hinter den Originalteilen? Ebenfalls Apartements?

Nein, die Originalfassadenelemente liegen im Flurbereich mit ganz anderen Temperaturanforderungen.

Kannst du in Kürze das Konzept des Umbaus erläutern?

Das Gebäude ist unter völlig anderen Voraussetzungen entstanden, die mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Es orientiert sich zum Innenbereich des Uni-Campus. Der Riegel definierte auf der Hofseite eine völlig ebene, baumlose Rasenfläche. Die ist heute leider nicht mehr erlebbar. Das Ergebnis dieser Orientierung auf den Campus ist die Rückseite mit den beiden Treppentürmen zur Gräfstraße. Das Gebäude verhält sich dadurch der Straße gegenüber sehr abweisend. Diese Rückseite zur Straße ist für uns, aus heutiger Sicht, ein „Fehler“. Durch das Hinzufügen eines Blockrands, der sich mit den beiden Treppenhäusern verzahnt, versöhnen wir das Gebäude mit der Stadt.

Diese Haltung resultiert aus dem völlig veränderten Verständnis, das wir von Stadt heute haben. Auch die Straße spielt jetzt eine ganz andere Rolle als damals. Über das alles haben wir lange mit Frau Kramer gesprochen, für sie ist diese Rückseite natürlich kein „Fehler“.

Konntet ihr sie überzeugen?

Auf der einen Seite ist sie sehr froh, dass der Bau erhalten bleibt – es gab ja auch Abrisspläne und viel weitergehende Umbaupläne von Kollegen. Aber dennoch ist ihr der Neubau ein Dorn im Auge, weil er aus ihrer Sicht den Altbau verstellt.

Wie seid ihr an den Auftrag gekommen?

Das ist eine längere Geschichte. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG, als Eigentümerin, möchte den alten Uni-Campus in einen Kultur-Campus umwandeln. Da stört – aus der Sicht der ABG – ein solcher Bau extrem. Andererseits kann man mit seinem Verkauf Kapital für andere Bauaufgaben generieren. Es gab zunächst eine alternative Gruppe [„Projektgruppe Philosophicum“, Be. K.], die das Haus gekauft hatte, aber die Finanzierung nicht hinbekam. Mein Bauherr [der Unternehmer Rudolf Muhr, Be. K.], mit dem wir gerade an einem anderen Studentenwohnheim bauen, rief mich an und fragte, ob das nichts für uns wäre? Ich habe dann eine Zeichnung gemacht und bin damit zum Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden gefahren. Das Gespräch hat ca. eine halbe Stunde gedauert, dann hatten wir das OK für unseren Entwurf mit dem Anbau. Und damit ist das Projekt ins Rollen gekommen. Wir konnten von Beginn an auf die Unterstützung der Stadt zählen, da wir für sie einen qualitätvollen Umgang mit dem Haus garantierten. Die Stadt hätte dem Investor das Projekt nicht überlassen, wenn er mit anderen Architekten angerückt wäre.

Wer waren die zentralen Fachplaner?

Wir arbeiten mit Bollinger und Grohmann zusammen, die im Vorfeld schon eine Studie über das Gebäude angefertigt hatten.

„Vorfeld“? Kannst du erläutern, was man darunter verstehen kann?

Weil die ABG das Philosophicum abreissen wollte, wurde ein Gutachten auf der Grundlage einer Umbaustudie erstellt. Das Ergebnis der Studie besagte, dass die Umwandlung zum Wohngebäude zu teuer sei. Einer der B+G-Mitarbeiter, Horst Peseke, hat uns den Bau in all seinen Facetten näher gebracht. Mit ihm zusammen haben wir unser Konzept schließlich entwickelt. Seitens des Denkmalamtes gab es eine sehr akribische Bauaufnahme über Farben, Materialien und dergleichen, eine übliche Vorgehensweise der Denkmalschutzbehörde. Diese Dokumentation war dann Teil dessen, was wir mit Bauphysik und Baustatik entwickelt haben.

Was sind die zentralen Problemstellen am Gebäude?

Der Brandschutz ... die Wärmebrücken der außen sichtbaren Stahlträgern, Schallschutz, geringe Aufbauhöhen in den Bestandsdecken, Beibehaltung der „kalten“ originalen Treppenhäuser, deren Absatz- und Stufenhöhen Referenzwerte für die Apartements sind ... Und zudem bewegt sich die Stahlkonstruktion der Treppentürme ganz anders als der Neubauriegel aus Beton.

Weg vom Machen, hin zur schon genannten Seele. Gerade dem Philosophicum wurde und wird die Seele abgesprochen. Ist der Bau tatsächlich kalter Funktionalismus oder ist er nicht viel mehr?

Ich kenne diese Art der Gebäude aus meiner Studienzeit in Berlin. Ja, ich habe ein Problem, hier eine Emotionalität zu entwickeln. Mich berührt, dass dieses Gebäude aufgeladen ist mit tausenden Biografien. Von Menschen, die hier Jahre ihres Lebens verbracht, auch gelitten haben! Jeder Zweite, nein, wohl jeder, den man trifft, erzählt seine Leidensgeschichte. Es scheint so zu sein, dass echte Hassgefühle im Zusammenhang mit diesem Bau vorhanden sind.

Wie immer auch die Gefühle sind: Unser Anspruch ist es, dieses Lebendige, diesen Geist irgendwie zu erhalten, spürbar zu machen. Wir erhalten die langen Flure, die farbigen Türen, die weißen Wände, die Fassade mit den riesigen Scheiben, die Treppenhäuser ...

Stefan Forster, der „Mann des Wohnungsbaus“: Wo steht das umgebaute Philosophicum in deiner Arbeit?

Für mich ist das hier ein Schritt in ein anderes Segment. Wenn man so viel Wohnungsbau macht, ist das hier etwas völlig Anderes, Neues. Für uns ist das sehr reizvoll gewesen. Und eine große Herausforderung, selbst zurückzutreten vor dem Werk eines Kollegen. Natürlich passt der Kramer-Umbau auch zu unseren Anstrengungen, einen guten Wohnungsbau zu machen. Das hat alles etwas mit Verantwortung der Gesellschaft gegenüber zu tun. Hier in der Gräfstraße zeigen wir, dass Abriss die letzte Alternative sein sollte.

Das Hauptproblem beim Bauen heute ist doch, dass alles über Geld definiert wird. Der Kölner Dom wurde schon zweimal gebaut, da fragt niemand nach dem Geld. Der Kramer-Bau ist nicht der Dom, aber er hat eine Bedeutung für unsere Gesellschaft. Es ist unsere Aufgabe, diese Bedeutung fortzuschreiben.
Du hattest mich nach dem Quadratmeterpreis gefragt: Wir sollten eher darüber reden, wie wir Häuser bauen, die 100 Jahre und mehr halten und nicht die Probleme haben, die der Kramer-Bau heute hat.

Zum Schluss: Was empfiehlst du der Stadt Frankfurt bezogen auf ihr jüngeres bauliches Erbe?

Erst nachdenken, dann vielleicht auch abreißen. Weniger Tabula rasa und mehr nachhaltige Konzepte, die die Zeitschichten bewahren und sichtbar machen. Da haben wir alle was davon, auch die, die das nötige Geld dazu geben.

Mit Stefan Forster unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 12. Januar 2016 in einem Café vis-à-vis dem Philosophicum.