Architektur trifft Musik und Tanz

Ein gutes Jahr für interdisziplinäre Grenzgänger in Berlin. Von Christian J. Grothaus, Berlin

Wie ehrt man den runden Geburtstag des Philosophen und Komponisten John Cage, der u.a. eine Symphonie (Organ2/ASLSP) anlegte, die derzeit in Halberstadt 639 Jahre lang aufgeführt wird oder ein Klavierkonzert (4‘33‘), in dessen Dauer von 4 Minuten und 33 Sekunden der Pianist nichts tut? Nun, man nimmt dessen offenbar besondere Beziehung zum Rohstoff seiner Kunst -nämlich die Zeit- zum Anlass und würdigt ihn gleich ein ganzes Jahr lang.

Kürzlich wurde also in Berlin von der Akademie der Künste der Beginn eines Jubiläumsjahres eingeläutet, das unter dem Motto „A Year From Monday. 365 Tage Cage“ steht und bis zum 5. September 2012 andauern wird. Die Projektreihe ist interdisziplinär und wird sich über eine Ausstellungen, Musik- und Tanzprogramme, Performances, Diskussionsveranstaltungen sowie Workshop entfalten.

Aber nicht nur der Jubilar, sondern auch der Komponist und Architekt Iannis Xenakis und der Choreograf Merce Cunnigham werden gewürdigt. Alle drei entstammen einer Generation, die im 20. Jahrhundert wirkte. Gemeinsam sind ihnen die künstlerische Suche jenseits überkommener Gestaltungstraditionen und der Kampf um eine Neubewertung dessen, was Musik und Klang bedeuten können. Die gängigen Interpretationsmuster hierzu gerieten durch strukturalistische Kritiken und dominant werdende Technologien nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich auch für die darstellenden Künste gehörig ins Wanken.(1)

Während Cunningham eng an Cage, dem „Meister der irrationalistischen Avantgarde“(2) operiert und ostasiatische Weisheiten, Improvisation, Intuition und den Zufall seines Vorbildes in den Tanz umsetzt, bezieht sich das Wirken von Iannis Xenakis auf die kontrollierte Wahrscheinlichkeit, die mit den Mitteln der mathematischen Stochastik bestimmbar bleibt. Dieser Ansatz unterscheidet sich deutlich von einem ‚musikalischen Würfeln‘, das sich auf das Improvisieren der Künstler bzw. des Publikums abstützt. Vielmehr zeigt sich darin das Streben, eine dauerhafte Theorie und zugehörig genau definierte, musikalische Kompositionen zu entwickeln.

Xenakis schätzte das abstrakte Ballett (auch eines Merce Cunningham), nahm allerdings kein Blatt vor den Mund, seine kritische Haltung gegenüber dem Kompositionsansatz von Cage darzulegen: „Die Musik von Cage kann manchmal interessant sein, manchmal aber auch schwach, wenn er sich zu sehr auf die Interpreten und ihre Improvisation verlässt. Aus diesem Grunde habe ich mich von dieser Richtung ferngehalten. Meiner Meinung nach ist das Vorrecht eines Komponisten, auch das kleinste Detail seiner Werke genau festzulegen“.(3)

Hier mag der konstruktivistische Ingenieur in ihm sich die Bahn gebrochen haben und auch für das Auge so manch geneigter Architekten und Ausstellungsbesucher dürften die in diesem Geiste gefertigten Zeichnungen den Zugang ins Thema erleichtern. So ist es schon ziemlich spannend, auf Millimeterpapier die Skizzen und Zeichnungen zu verfolgen, auf denen sich Geometrien mit Noten, Formeln, Listen, Tabellen und Farben überkreuzen. Hier zeigt sich eine unerschöpfliche Entwurfsarbeit, die in der Mathematik, Musik und Architektur gleichzeitig stattfand und deren Kreativität sich rational entäußerte.

Als Baukünstler verdiente Xenakis sich seine ersten Meriten über Projekte, die er bei Le Corbusier verantwortete. Mit einem Diplom als Bauingenieur war der Grieche 1948 über Empfehlungen in das Atelier des berühmten Franzosen gekommen und blieb dort zwölf Jahre. Zunächst kümmerte er sich um Berechnungen, konnte jedoch nach und nach auch architektonisch u.a. am „Kloster La Tourette“ oder dem indischen „Chandigarh-Projekt“ (Teile des Parlaments und die Grundstruktur des Palastes) mitwirken.

Für die Weltausstellung 1958 in Brüssel beauftragte die Firma „Philips“ einen Pavillon bei Le Corbusier, der selbstständig von Xenakis ausgeführt wurde und ihm auch dazu diente, die Musik konkret mit Architektur zu verbinden.(4) Mit hyperbolischen Parabolformen konnte er nämlich den Grundgedanken seiner Komposition „Metastasis“ (1954/55) in die Gestalt bringen und eine vielschichtige, räumliche Struktur entwerfen, die sich in ihrem Aufwachsen permanent wandelt. Auch in seinen Architekturen der Folgezeit, so zum Beispiel dem französischen Expo Pavillon in Montreal 1967 oder dem „Diatop“ am Centre Pompidou 1974, finden diese Formen Verwendung.

Bestimmend zeigt sich im hyperbolischen Paraboloiden das Motiv des „Glissando“, in dem Töne, Themen, zusammenhängende Melodien, Abgrenzungen, Rhythmen oder Tonhöhen keine Einzelrollen mehr spielen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Xenakis hierzu „Was ist denn eine Gerade im dreidimensionalen Raum? Die stetige Änderung der einen Dimension im Verhältnis zu anderen. Genau das Gleiche geschieht auch in der Beziehung von Tonhöhe und Zeit: die Gerade ist die stetige Änderung der Tonhöhe in der Zeit“.(5)

Xenakis ist bereits jetzt in der Berliner Akademie der Künste gut dargestellt und auch einige seiner Kompositionen werden in den kommenden Wochen und Monaten aufgeführt. Zur weiteren Annäherung an Cage und Cunningham sei allerdings empfohlen, das Programm (auch für das Jahr 2012) zu sichten, denn hier schafft es die Ausstellung allein nicht, die Vielschichtigkeit der künstlerischen Ansätze abzubilden. Aber, wie soll es auch gelingen, ein Werk museal zu fassen, das keines sein will. Hier eignet sich tatsächlich besser die Performance mit ihrer Augenblicklichkeit und einem Entdecken, das im gleichen Atemzug vergeht. Cage hierzu mit einer Selbstanleitung: „Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen. Wenn unter ihnen die sind, die irgendwo hingelangen möchten, sollen sie gehen, jederzeit.“(6)

Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor, Berlin





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